6. Juli 2017 | Kanu (Allg.)

Freya Hoffmeister: 100 Tage unterwegs

Wo hockt denn Freya Hoffmeister? Wo paddelt sie? Kommt sie immer noch wie geplant voran? Hat sie mit Problemen zu kämpfen? Oder ist sie lösungsorientiert … und findet bei jeder auftauchenden Schwierigkeit gleich eine Lösung bevor aus ihr ein handfestes Problem werden könnte!?
Freya Hoffmeister: 100 Tage unterwegs
Bild: BirgitH / pixelio.de

Nun, am 25.03.17 ist sie ja von Seattle (USA) aus gestartet. Danach hat sie Vancouver Island (CDN) seeseitig abgehakt (ca. 700 km in 26 Tagen) und die kanadische „Inside Passage“ (von Port Hardy bis Prince Rupert)  auch (ca. 550 km in 20 Tagen). Als nächstes nahm sie sich die „Inside Passage“ von Alaska mit Ziel Sitka vor (ca. 500 km in 19 Tagen)). Anschließend peilte sie Yakutat (Alaska) an (ca. 500 km in 12 Tagen) und danach Cordova (ca. 430 km in 11 Tagen), wobei anzumerken ist, dass Freya am 2.07.17 genau an ihrem 100 Fahrtentag Cordova erreichte. 69 Paddeltage hatte sie dafür benötigt und dabei insgesamt 2.986 km zurückgelegt.

Rein statistisch kommen dabei die folgenden Durchschnittswerte heraus: Freya ist Ø 8.12 h pro Tag gepaddelt, hat dabei Ø 43 km pro Tag zurückgelegt mit Ø 5,3 km/h!


 

Non-Stop-Paddeln

Natürlich sind das Werte, die mal unter- und mal überschritten werden. Letzteres passierte des Öfteren auf der letzten Passage Yakutat – Cordova, die sich dadurch auszeichnete, dass sie fast gar keinen Schutz vor Wind & Welle bot. Die Folge: Die Dünung läuft dort ungestört ein und erzeugt kurz vor dem zum Anlanden ausgesuchten Strandabschnitt ein, zwei hohe Brecher („Dumper“), die nur mit viel Erfahrung und Glück gemeistert werden können, und zwar nicht nur beim Anlanden, sondern auch beim Starten. Beide Manöver haben dabei Schwierigkeiten zu bieten:

•    denn beim Anlanden fehlt meist die Sicht auf den „Landeplatz“, sodass Freya beim Anlanden erst sehr spät merkt, ob vor ihr Felshindernisse liegen bzw. der Strand zu steil ist;
•    und beim Starten – und zwar solo, d.h. keiner schiebt sie mit Schwung durch die Brecher – muss der richtige Moment abgepasst werden, also jener Moment, wo der einlaufende Brecher nicht so wuchtig ist, dass er die startende Freya samt Kajak quer treibt oder rückwärts an den Strand spült.
•    Es ist dabei genau jener Moment, den sie auch beim Anlanden abpassen muss. Nicht nur jede 7. Welle ist besonders hoch (und nicht zum Anlanden geeignet), sondern auch jede 7. Welle ist besonders niedrig. Diese Welle musste Freya beim Anlanden genau abpassen, um dann auf ihrem Rücken an den Strand zu paddeln, und zwar so hoch hinauf, dass sie nicht vom Rücklauf des Brechers wieder zurück ins Tiefe gezogen wird.

Freya hatte vor dieser Passage so viel Respekt, dass sie sich dazu entschloss, nur noch möglichst selten anzulanden. Wie häufig sie das tat, können wir ihrer Tageskilometerleistung entnehmen, die weit über ihrem durchschnittlichen Tagespensum liegt:

•    Fahrtentag # 85 = 105 km in 24:35 Stunden;
•    Fahrtentag # 91 = 89,3 km in 17:55 Stunden;
•    Fahrtentag # 95/96 = 172 km Non-Stop in 31:20 Stunden;
•    Fahrtentag # 100 = 107 km in 19:10 Stunden.

Treibsand:

Gastfreundschaft als Regenerationsquelle

Wie schafft das Freya, 100 Tage Paddeln so durchzuhalten, dass sie, wenn sie es abrufen muss, -zig Stunden durchpaddeln kann? Sicherlich gibt es bei ihr einen „Long-Distance-Sea-Kayaking“-Gen. Und dann ist es von großem Vorteil, wenn es nicht - wie überwiegend bei Ihrer Tour rund Australien bzw. Süd-Amerika – erst morgens um 6 Uhr hell und schon abends um 6 Uhr dunkel wird. Dort oben Alaska wird es im Juni/Juli praktisch nie stockdunkel, vielmehr ist es für 3 Stunden „dämmerig“ und dann wird es wieder hell. Ja, dann fällt einem das „Durchpaddeln“ schon etwas leichter. Ihr Hauptproblem war dabei zu vermeiden, unterwegs auf dem Wasser nicht einzuschlafen, in Untiefen zu geraten und zu kentern.

Solche Höchstleistungen zu bringen, und zwar 100 Tage lang, das schafft natürlich auch Freya nicht. Ihre wichtigste Regenerationsquelle war daher die Einladungen von Einheimischen, bei ihnen für ein paar Tage zu verweilen, d.h. warm zu duschen, auszuschlafen, auszuruhen, Wäsche zu waschen, Verpflegung zu beschaffen, Internetkommunikation zu pflegen …. Diese Einladungen wurden Freya meist von anderen Paddlern vermittelt … und manchmal wurde sie auch einfach von einem Gastgeber zum nächsten Gastgeber weitergereicht. Und wenn sie mal irgendwelche Probleme hatte, fanden sich immer welche in den zentralen Ortschaften, die in der Regel nicht mehr als 1.000 Einwohner haben, einer, der zur Lösung beitragen konnte. So hatte sich doch tatsächlich unterwegs jemand dazu bereiterklärt, ihr mürbe gewordenes Unterwasserschiff mit einer neuen Diolenmatte zu verstärken.

Blind date

Bei dieser Tour ist es das erste Mal, dass Freya öffentlich dazu aufrief – entsprechende Seetüchtigkeit vorausgesetzt - sie auf einer Passage zu begleiten. Als erstes nahm diese die Britin Justine Curgenven, bekannt als Seakayak-Video-Filmerin, wahr. Sie begleitet Freya knapp 14 Tage entlang der Seeseite von Vancouver Island. Es war ein voller Erfolg. Ab Prince Rupert paddelte der US-Amerikaner Mike Dziobak (61) an ihrer Seite. Leider war er nicht sehr gesellig und – beim Tragen ihres Kajak an Land – wenig hilfsbereit, machte unterwegs unabgesprochen manche Extra-Tour und wenn Freya am Strand zeltete, baut er sein Zelt im Wald auf und umgekehrt. Nach 14 Tagen reichte es Freya und bot Mike die „Scheidung“ an, was er jedoch ablehnte, um dann am folgenden Tag früh um 4 Uhr morgens vor ihrem Zelt zu stehen und mit einem „See you later!“ von dann paddelte. Ja … und neun Tage später trifft Freya ihn tatsächlich wieder an den „White Sulphur Hot Springs“. Dort stand er in seiner roten Jacke, gerade als Freya vorbei paddeln wollte. Freya ist nicht „menschenscheu“ und auch nicht nachtragend, eher neugierig, was „ihr“ Mike in der Zwischenzeit erlebt hat. Ja, und der „gruppenuntaugliche“ Mike war wie verwandelt. Von da an war er redselig, anhänglich und hilfsbereit. Fünf Tage paddelten sie noch zusammen, dann jedoch kehrte Mike um, da er sich die bevorstehende Passage durch die „Dumpers“ nicht zutraute.

Paddelabschnittsgefährte Mike:

Freya hatte wohl Gefallen an diesen sporadischen „Pärchen“-Touren gefunden, zumindest sah sie es als willkommener Abwechslung zu ihren Solo-Touren an. Ihre „Sehnsucht“ nach Geselligkeit selbst war so groß, dass sie es bislang bedauerte, nur vom Seekajak aus Bären beobachten zu können. Eigentlich vermisst sie irgendwie den Bärenkontakt an Land.

Bärenkontakt:

Auf alle Fälle wartete an ihrem 100. Fahrtentag in Cordova das nächste „Raubein“, ein Paddler namens Josh Thomas, der per Fähre angereist kam und nun Freya bis zum ca. 300 km entfernt liegenden Seward begleiten will. Übrigens, der nächste Begleiter steht auch schon fest, der in Fairbanks (Alaska) lebende Israeli Eyal Saiet. Er möchte Freya bis zum Ende ihrer ersten Etappe „Round North-America“ begleiten. Als Zeitpunkt hierfür hat Freya Mitte August angesetzt und als Zielorte entweder Homer (ca. 300 km) oder Kodiak auf Kodiak Island.

Was dann?

Ab der zweiten Augusthälfte wird es wieder kälter in Alaska. In Anbetracht dessen, dass Freya jetzt schon - mitten im Sommer von Alaska - unter kalten Füßen und Händen leidet, ist es nur konsequent von ihr, die Umrundung von Nord-Amerika nun im Süden, also auf ihrer „Subtropik“-Route von Seattle (USA) Richtung Panama fortzusetzen. Bevor sie aber das in Angriff nimmt, wird sie sicherlich erstmal für 2-3 Monate nach Hause fliegen, um nicht nur neue Kräfte zu tanken, sondern auch um sich darum zu kümmern, dass über ihren derzeitigen „Nebenjob“, Eigentümerin von zwei Eisdielen in Husum, das Geld reinkommt, das sie für die Finanzierung ihres derzeitigen – wohl defizitären - „Hauptjobs“ dringend benötigt.

Keine Feuerholzprobleme:

Text: Udo Beier
Link: www.freyahoffmeister.com > Expeditions > North-America

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