9. Dezember 2014 | Kanu (Allg.)

STIKINE Der Mount Everest des alpinen Kajaksports.

2001 hat Olaf Obsommer seinen Job als Altenpfleger an den Nagel gehangen und den Schritt in die Selbstständigkeit als Vortragsreisender und Filmproduzent gewagt.
STIKINE  Der Mount Everest des alpinen Kajaksports.

Seine erste Vortragstour hat Obsommer 2002 mit dem Grand Canyon of the Stikine gestartet. 12 Jahre später war er erneut am »Mount Everest des Wildwassers«, wie der Stikine auch genannt wird. Drei Tage dauert der Ritt durch die 70 Kilometer lange Schlucht. Bis zu 300 Meter ragen die Wände senkrecht in die Höhe. Doch in den insgesamt 100 Stromschnellen sollte man den Blick besser geradeaus richten: Im fünften bis sechsten Schwierigkeitsgrad bleibt kein Raum für Fehler. Für manch einen Paddler ist die Befahrung des Stikine ein Blick in die eigene Seele und der reinen Wahrheit.

Die Fakten:

Stecke: 70km WW 5-6, 30km WW 3, 3 lange harteTage
Einstieg: Stewart Cassier Highway
Ausstieg: Telegraph Creek
Shuttle: 180km, 6hrs
Wasser: 150-500 Kubik, je mehr Wasser desto schwieriger ist das Besichtigen der Stromschnellen.
Gefälle: In den Steilstücken 20-30 Promille,
Befahrbarkeit: September bei Niederwasser.
Besonderheiten: Zwangspassagen à la „Wassens Hole“, Uneinsehbare Katerakte
Gefahren: Schwimmen, „V-drive“ kann bei hohen Wasserständen nur durch abseilen umtragen werden.
Boote: >250cm, > 280 Liter Volumen.

Das Team:

Jared Meehan NZL
Sam Sutton NZL
Darin Mcqoid USA
Gerd Serrasolses ESP
Aniol Serrsolses ESP
Olaf Obsommer GER

Der Mount Everest des alpinen Kajaksports.

Die große Schlucht des Stikine im Norden Kanadas markiert den Gipfel dessen, was beim Expeditionspaddeln möglich ist: 60 Kilometer lang, 350 Kubik voll, 460 Meter steil und garniert mit 30 ausgewachsenen Rapids, viele davon Zwangspassagen.

Die Klamm mit wuchtigen Zwangspassagen, uneinsehbaren Biegungen und allen weiteren Zutaten eines 500 Kubik wuchtigen Marlstroms inszenieren einen Thriller der Extraklasse. Der Schauplatz ist Kanadas Wildnis unter Grizzlies, Wölfen und Bergziegen; es ist eines der großartigsten Naturschauspiele die man mit dem Boot erforschen kann. Nicht umsonst gilt der Stikine als einer der härtesten aber auch einer der schönsten Wildwassertrips der Erde. Er wird als Mount Everest des alpinen Kajaksports betitelt.

Der Fluss.

Der Stikine River fließt  im nördlichen British Columbia, an der Grenze zum Yukon Territory. Er entwässert das Spatzisi Plateau und fließt 640KM durch kanadische Wildnis, bevor er bei Wrangell in den Golf von Alaska mündet. Der 90km lange »Grand Canyon of the Stikine« im Mittellauf, gilt als schwerster Mehrtages-Wildwssertrip der Welt. Selbst zur Hochsaison ist man als Paddler auf der gesamten Strecke so gut wie allein. Kein Mensch, kein Haus, kein Lärm stören die Ruhe, während man vom Wasser im Expresstempo durch alle Formen nordischer Wildnis getragen wird.
Doch wir sind nicht allein an der Natur interessiert. Uns reizt die sportliche Meisterleistung den Grand Canyon zu befahren.
Das halbe Jahr über führt der Stikine, dessen Einzugsgebiet in etwa die Größe Nordbayerns hat, zuviel Wasser für eine Befahrung. Das andere halbe Jahr präsentiert sich der Stikine zwar mit deutlich weniger Wasser – aber leider zugefroren. Nur zu Beginn des Herbstes, wenn die Schmelzwasser abgeflossen sind, öffnet sich ein schmales Zeitfenster, bei dem die Wassermenge unter die magische Marke von 500 Kubikmetern pro Sekunde fällt. Die meisten Befahrungen des Stikine gehen daher auf das Konto von »Locals« aus den nur 1500 Kilometer entfernten US-Bundesstaaten Idaho und Montana, die das entsprechende Wetter- und Pegelfenster nur abwarten brauchten, um nach einer dreißigstündigen Marathonfahrt am Einstieg aufzukreuzen.

Los geht es.

Die Brücke des Highways 37, die einzige Brücke über den Stikine auf seiner gesamten Strecke, verschwindet rasch am Horizont. Auf den ersten sechs Kilometern zieht der Stikine in einem offenen Kiesbett schnell dahin, von einer Schlucht keine Spur.

Von null auf hundert in drei Sekunden.

Wenig später wird der vermeintlich friedliche Stikine zu Tourenpaddlers Alptraum und legitimiert die Warnschilder am Einstieg: »Unnavigable by all crafts«. Völlig unvermittelt verschluckt ein riesiger Felsschlund, der sich auch als Filmkulisse in »Herr der Ringe« gut gemacht hätte, den Fluss. Völlig friedlich strömt das Wasser hinein und gaukelt nach dazu das Vorhandensein diverser Kehrwasser vor. Doch wir wissen, dass man diesem Frieden nicht trauen darf. Direkt ums Eck lauert »Entry Falls« zwischen senkrechten Wänden, eine der schwersten Stellen des Stikine überhaupt. Aber wir haben unsere Hausaufgaben gemacht und den einleitenden Satz einer Filmdokumentation noch im Ohr: »Der Fluss lockt dich mit seiner Schönheit, betört dich mit seiner Grazie – und tötet dich mit seiner Kraft.«
Darin Mcqoid unser Fotograf und ich klettern weit oberhalb aus dem Boot und kraxeln durchs Unterholz bis zum Schluchtrand, um die Fälle zu besichtigen. Von hoch oben fällt der Blick auf ein donnerndes Chaos aus Fels und Wasser. Wir bringen uns in Position und schalten die Kameras an.
Sam, Gerd, Jared und Aniol sind am Fluss geblieben müssen als erste fahren. Als sie eine Stunde später oberhalb der Fälle auftauchen, sind wir erschrocken über die Dimensionen. Ihre Kajaks machen sich wie Spielzeugboote in den gewaltigen Wassermassen aus. Schon die vermeintlich kleine Eingangswelle schlägt meterhoch über ihnen zusammen. Sie schaufeln wie die Duracell-Hasen, um dem Ideal von einer Befahrungslinie nahe zu kommen und schaffen den nötigen Zickzackkurs ins erste Kehrwasser unterhalb. Aniol sein Kajak wird von einer Wasserwalze gepackt und kurzerhand überschlägt er sich unfreiwillig. Eins ist klar, der Stikine ist kein Kindergeburtstag und wer unvorbereitet antritt, wird in die Abgründe seiner Seele schauen.

Die meisten Stellen im Canyon sind Zwangspassagen – umtragen unmöglich. Zu dieser Kategorie gehört aus »Wassons Hole«, ein apokalyptischer Rücklauf am Ende des ersten Tages, in dem John Wasson beim Erstbefahrungsversuch um sein Leben rotierte. Rund 150 Meter oberhalb steigen wir im letztmöglichen Kehrwasser aus und klettern so hoch es geht, um einen Blick auf Wassons zu werfen. Wir erkennen eine Engstelle mit ordentlich Gefälle, mächtige Diagonalen mittendrin und eine riesige Walze links an der Wand zum Finale. Die Wahl der Route fällt somit leicht: Mitte-Rechts. Jetzt ist Zwangspassagen-Taktik gefragt: Sobald die Fahrtroute steht, wird aufkeimende Angst durch rasches Handeln bekämpft. Mit einem Herzklopfen, dessen Echo man eigentlich zwischen den Felswänden hören müsste, steigen wir in die Boote und nehmen Kurs auf Mitte-Rechts. Erst jetzt bemerken wir, dass die gesamte Anfahrt eine schiefe Ebene darstellt, die nach links kippt – direkt ins Loch. Unter Aufbietung aller Kräfte schaffen wir es gerade so bis zur Flussmitte und nur knapp rauschen wir allesamt an der tückischen Wasserwand vorbei. Im Augenwinkel sehen wir dabei die größte Walze  unseres Lebens.

Das Restrisiko fährt mit.

Wenig später landen wir oberhalb des unfahrbaren Katarakt »Site Zed« an. Er ist zugleich erstes mögliches Nachtlager mit ein paar ebenen Quadratmetern für unser Zelt. Den Rest des Abends sitzen wir am Feuer, trocknen Paddelklamotten, futtern Instantnudeln und verarbeiten die Erlebnisse des ersten Tages.
Größtes Kopfzerbrechen bereiten oft nicht einmal die Rapids selbst, sondern die Kraft des Wassers im vermeintlich ruhigen Pool dahinter. Oft tun sich dort hinterlistige Presswässer auf, die einen eventuellen Schwimmer wohl auf ewig verschlucken würden. Was also, wenn einem beim Durchfahren einer Walze das Paddel bricht oder ganz banal die Spritzdecke aufgeht? Zwar haben wir diese Eventualitäten durch sorgfältige Materialtests im Vorfeld minimiert, doch ein Restrisiko mit der Konsequenz »Wer schwimmt, ertrinkt«, bleibt. 2012 hat der Stikine sein erstes Todesopfer gefordert! Solange alles nach Plan läuft und gut geht, kein Problem. Nur ein kleiner Fehler kann den Ball ins rollen bringen und das Abenteuer Stikine in eine Katastrophe gipfeln.

Site Zed.

Tag 2 startet mit einer schweißtreibenden Portage. Zwei Stunden lang schleppen wir unsere Kajaks durch ein Kartenhaus überdimensionierter Felsmurmeln an »Site Zed« vorbei. Mit den 30 Kilo schweren Kajaks auf der Schulter will jeder Schritt wohl überlegt sein.
Gerd entscheidet sich Site Zed zu befahren, Jared, Darin und ich bringen die Kameras in Position. Sam und Aniol übernehmen im Auslauf der gewaltigen Stromschnelle die Absicherung

Wie immer bei schweren Stellen werden Angst und Panik sofort auf Standby heruntergefahren. Dieser antrainierte Modus lässt uns die Paddelschläge dort setzen, wo sie hingehören, woraus ein kraftschonender Paddelstil resultiert. Wer weiß, vielleicht brauchen wir unseren Atem ja noch für die flussbreite Abschlusswalze.
Gerd beherrscht diese Philosophie perfekt und steuert sein Kajak fast schon mit Leichtigkeit durch die 250m lange Stromschnelle Site Zed. Nur zweimal verliert er kurzzeitig die Kontrolle über sein Kajak und muss eskimotieren. Damit gelingt Gerd die Zweitbefahrung, letztes Jahr wurde Site Zed von Ben Marr erstbefahren, davor hatte sich noch nie ein Kajaker gewagt, diese mächtige Stromschnelle aus Verwirbelungen und Wasserwalzen zu meistern.

The Wall.

Ein weitere mächtige Stromschnelle ist "The Wall". Nach einer ausführlichen Besichtigung, die wenig Aufklärung und Sicherheit bietet, steigen wir wieder in unsere Kajaks. Zunächst gilt es mit viel Speed nach links zu schneiden, um der angespülten »Wall« zu entkommen. Dann folgt die zweite Kante. Die Walzen links und rechts vermeidend, treffen alle den vermuteten Durchschlupf in Flussmitte. Nun folgt die große Unbekannte. Wird der Stikine sich nach der Kurve beruhigen, oder tobt er weiter? An einer letzten Walze vorbei, biegen wir ums Eck – und sind durch. Die Schlucht öffnet sich, vor uns liegt der »Garden of the Gods« im goldenen Abendlicht. Dieser kurze Schluchtabschnitt bietet faires Wildwasser der Extraklasse mit vielen Ausweichrouten am Rand des Gebrodels.

Kurz danach erreichen wir Camp 2, ein traumhafter Sandstrand erwartet uns. Schnell ist ein Feuer entfacht und wir genießen die Ruhe und die Lagerfeueratmosphäre. Kurzer Hand überkommt uns die Müdigkeit und wir gönnen uns eine ordentliche Portion Schlaft, denn am letzten Tag auf dem Stikine benötigen wir all unsere Kraft und Konzentration. Morgen erwarten uns die Lower Narrows mit den schwierigsten und gefährlichsten Stromschnellen wie z.B. Wall 2, The Hole that eats Chicago oder W-Drive.

W Drive.

Die Sonne weckt uns auf und ruck zuck sitzen wir alle wieder in unseren Kajaks. Die Qualität der Stromschnellen ist überragend. Schwierige und spektakuläre Linien fordern uns. Plötzlich stehen wir alle vor W Drive. Die schwierigste Stromschnelle auf dem Stikine nach Site Zed. Ein wuchtige Zwangspasssage mit 2 riesen Wasserwalzen, die uns quasi für mehrere Sekunden verschlucken, jetzt bloß nicht die Nerven verlieren und aussteigen. Nach langer Dunkelheit wird es wieder hell und Zeit das Kajak mit der Eskimorrolle aufzurichten. Sam zaubert als einziger eine saubere Linie durch die Turbolenzen, die sogenannte SICK LINE.

Der Tanzilla Slot.

Neunzig Prozent der Schwierigkeiten liegen nun hinter uns. Doch gilt am Stikine die alte Fußballweisheit: Nach der Kernstelle ist vor der Kernstelle.
Mit dem »Tanzilla Slot« wartet noch eine letzte geologische Sensation auf uns. Dort pressen sich mehrere hundert Kubik durch einen nur drei Meter breiten Felsspalt aus blankpolierten Basalt. Wir erinnern uns an die Story von Scott Lindgren, der bei den Dreharbeiten zu seinem Film »Aerated« von einem Hochwasser im Canyon überrascht wurde. Vor dem dritten Tag verdoppelte sich der Wasserstand von 300 auf 600 Kubik. Dadurch staute sich das Wasser derart vor dem Schlitz, so dass sie drei Anläufe brauchten, um den Berg aus Wasser davor zu überwinden.
Bei unserem Wasserstand ist der Tanzilla Slot allerdings keine große Herausforderung und uns bleibt genügend Zeit dieses Naturschauspiel zu genießen.

Fazit.

Der Stikine hat einem wirklich den Spiegel vorgehalten. Was wir darin gesehen haben, war nicht immer schön, aber sehr lehrreich.
Bis zum Ausstieg in Telegraph Creek sind es noch gut 30 Kilometer leichtes Wildwasser, doch das sollten wir bis zum Einbruch der Dunkelheit schaffen. Im Abendlicht genießen wir den Stikine endlich ohne Angstschweiß auf der Stirn und in den folgenden zwei Stunden nutzt zudem jeder die Gelegenheit, die gestern Nacht gefassten guten Vorsätze für den Fall des Überlebens auf Realisierbarkeit zu überprüfen. Von geregelter Arbeit war da die Rede, sofortige Heirat der Freundin nach der Rückkehr, Weihnachten bei den Eltern und die Reduzierung künftiger Wildflüsse auf den Augsburger Eiskanal.

Na ja, nicht wirklich, die Suche nach dem Flussgott wird weiter gehen…

Der TV-Beitrag in der ZDF-Sportreportage

Text: Olaf Obsommer & Michael Neumann

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