Canadierwandern
Definition
Das deutsche Wort "Kanu" ist Oberbegriff für alle
Wassersportgeräte, die aus eigener Muskelkraft mit Paddeln in
Blickrichtung nach vorne fortbewegt werden. Es beinhaltet die
unterschiedlichsten Bootstypen wie z.B. die große Gruppe der
Canadier (= Kanadier) und Kajaks, aber auch Faltboote,
See-Kajaks, diverse Schlauchboot-Ausführungen usw. Da sich
viele Leute dieser Definition nicht bewußt sind, führt der
Begriff Kanu sehr häufig zu Missverständnissen und
Enttäuschungen, da sie mit Kanu eigentlich Canadier meinen
(diese "Indianerschiffchen"). Da entpuppt sich dann der
"Kanuclub XY" in Wirklichkeit als reiner Verein für
Kajak-Freaks und der stolze Canadier Besitzer wird nur
mitleidig wegen seiner mitgebrachten "Badewanne" belächelt.
Während die Wurzeln des Kajaks bei den Eskimos/ Inuits zu
suchen sind, stammen die Urformen unserer Canadier (engl.
Canoe), wie der Name sagt, aus Canada bzw. Nordamerika. Das
deutsche Wort Canadier bzw. Kanadier und das englische oder
französische Wort Canoe sind gleichbedeutend.
Materialkunde
Im Canadierbau finden heutzutage stark unterschiedliche und
nachfolgend genannte Materialien Verwendung.
Holz
Nur noch wenige Hersteller führen die traditionelle
Kanu-Bauweise aus Holz fort und bauen ihre Canadier aus diesem
Naturprodukt. Es steckt sehr viel Handarbeit darin und die
Boote kosten entsprechend viel. Darüber hinaus sind sie relativ
empfindlich (nur bedingt für Wildwasser geeignet) und verlangen
ständig gute Pflege. Trotz zahlreicher guter Eigenschaften
dieses natürlichen Werkstoffes, wie niedriges Gewicht, leiser
Lauf, (Holz ist schallschluckend), hohe Steifigkeit, natürliche
Elastizität, keine zusätzlichen Auftriebskörper erforderlich,
gute Isolierung gegen Kälte, keine Aufheizung in der Sonne sind
sie als Gebrauchsboote weniger geeignet, sondern mehr etwas für
Liebhaber. Heutzutage werden die Holz-Canadier häufig zum
Schutz vor Beschädigungen und um die Wartung zu minimieren mit
einer durchsichtigen Glasgewebeschicht und Epoxidharz überzogen
(GFK). Traditionelle Holzboote dagegen sind meist außen mit
Canvas überzogen, mit einem Filler präpariert und dann
lackiert, teilweise auch mit Shellack (Wood-Canvas Canoes).
Aluminium
Bis zum Aufkommen von Aluminium war Holz über Jahrhunderte
hinweg das einzige Kanu-Baumaterial. Nach dem 2. Weltkrieg
wurden zum ersten Mal Canadier aus strapazierfähigem
Flugzeug-Aluminium hergestellt. Der günstige Preis und die
Wartungsfreundlichkeit im Vergleich zum Holz waren so gut, daß
die Nachteile von Alu nicht ins Gewicht fielen. Da Alu die
Kälte des Wassers gut leitet, sind die Boote in den kälteren
Jahreszeiten kalt, während bei Sonnenschein die beschienenen
Flächen sehr heiß werden. Außerdem sind sie auf dem Wasser sehr
laut, jede Welle verursacht blecherne Geräusche und mit der
Zeit verbeulen leichte Grundberührungen den ganzen Rumpf. Zudem
ist ihr Gewicht mit dem von GFK-Booten zu vergleichen, als
relativ hoch. Dafür können kleinere Beschädigungen mit dem
"Hammer" repariert werden (ausbeulen). Früher vor allem in
Nordamerika und Skandinavien weit verbreitet, spielen heute
Canadier aus Aluminium nur mehr eine untergeordnete
Rolle.
Glasfaser verstärkter Kunststoff (GFK)
Glasfaser verstärkter Kunststoff ist ein gebräuchliches und
weit verbreitetes Material für Wandercanadier. Sie sind relativ
preisgünstig, können in jeder Form und Größe gebaut werden,
sind auch unterwegs gut zu reparieren und benötigen fast keine
Wartung. Man sollte allerdings beim Kauf darauf achten, daß man
ein Markenfabrikat ersteht, da die Qualität
(Lebensdauer/Haltbarkeit) sehr stark von der Verarbeitung
abhängig ist. Achtung: GFK-Boote sinken, deshalb nie ohne
zusätzliche Auftriebskörper paddeln ! Aus diesem Grund
laminieren die Hersteller meist Styropor, geschlossenzelligen
Schaum in die Spitzen mit ein oder schaffen dort
Hohlräume.
Kevlar
Kevlar und Kohlefasern (Carbon) werden ähnlich verarbeitet wie
GFK, d.h. Gewebe wird mit Harz in einer Form laminiert. Die
Verarbeitung ist jedoch wesentlich schwieriger, was auch die
Reparatur komplizierter macht. In der Regel werden nur
hochwertige teure Harze verwendet (z.B. Epoxyd). Es sind zwar
stabilere und leichtere, aber auch entsprechend teurere Boote
(Kevlar ist 10-15 % leichter und doppelt so zäh wie GFK,
Kohlefasern haben eine vielfache Festigkeit von GFK). Mit
diesen hochwertigen Materialien sind hochfeste, spitz
zulaufende und sehr schnelle Rumpfformen möglich. Für den
Einsatz auf überwiegend steinigen Flüssen oder im
Wildwasserbereich ist das Material jedoch weniger
empfehlenswert. Inzwischen sind auch Boote in Verbundbauweise
im Handel, d.h. im Inneren ein geschlossenzelliger Schaumkern
und außen die laminierten Kevlarlagen.
Polyethylen (PE) / RAM-X
PE ist ein moderner und wirtschaftlicher Werkstoff. Er
kostet wenig und je höher die Stückzahlen sind, desto
kostengünstiger wird die Verarbeitung (Vakuumverfahren). Es
gibt ihn in zahlreichen verschiedenen
Werkstoffzusammensetzungen, daher ist PE nicht gleich PE. Zu
den Vorteilen zählt die gute Verformbarkeit, die
Widerstandsfähigkeit gegen Schläge und es bricht nicht, wenn es
gebogen wird. Zudem ist es wartungsfrei. Nachteilig ist die
mangelnde Isolation gegen die Kälte des Wassers (wenn es nicht
im Sandwichverfahren verarbeitet wird), die
Kratzempfindlichkeit der Oberfläche, die geringe Steifigkeit
des Materials, das recht hohe Gewicht und eine Reparatur ist
problematisch (kann man nicht kleben sondern nur verschweißen).
Auch können Ankerplatten mit D-Ringen (z.B. für Schenkelgurte
oder zum Verzurren von Gepäck etc.) nicht eingeklebt werden.
PE-Boote können auf verschiedene Arten aufgebaut sein: Im
Sandwichverfahren hergestellte Boote haben eine gute Isolation
gegen die Kälte des Wassers und die Rümpfe sind ausreichend
stabil. Boote die nicht im Sandwichverfahren hergestellt sind
benötigen wegen der geringen Steifigkeit von PE ein
Stützgerippe (z.B. Coleman mit Alu-Gerippe und RAM-X Außenhaut)
und isolieren schlecht gegen Kälte. Ein Canadier aus massivem
PE ohne Stützgerippe ist wegen der entsprechend erforderlichen
Materialstärke extrem schwer. Boote aus linearem PE sind sehr
gut recyclebar, aus vernetztem PE jedoch nicht oder nur
bedingt.
Luftboote
Sie sollten nicht verwechselt werden mit billigen
Badebooten aus PVC vom Kaufhaus. Hochwertige Luft-Canadier sind
aus strapazierfähigen Materialien hergestellt (wie die großen
Rafting-Schlauchboote) und überstehen klaglos Grund- und
Steinberührungen. Ihr Haupteinsatzgebiet liegt in fließenden
Gewässern und im Wildwasserbereich, wo sie sehr sichere
Fahreigenschaften aufweisen und auch dem ungeübteren Paddler
eine Befahrung ermöglichen. Weitere Vorteile sind ihr relativ
niedriges Gewicht , bequeme Transportmöglichkeit und geringer
Platzbedarf beim Aufbewahren. Nachteilig ist ihr langsames,
zähes Fahrverhalten auf stehenden Gewässern , die große
Windempfindlichkeit und ihr stolzer Preis. Generell ist das
Fahrverhalten nicht mit denen von starren Booten zu vergleichen
(die Paddeltechnik unterscheidet sich aber nicht zu der mit
starren Booten).
Fahreigenschaften
Die Fahreigenschaften eines Canadiers können durch folgende 3
Merkmale charakterisiert werden:
- Schnelligkeit
- Wendigkeit bzw. Richtungsstabilität
- Kippstabilität
Beeinflußt werden diese Merkmale durch die technische Konzeption des Bootes (Länge, Breite, Rumpfform) und variieren je nach vorgesehenem Einsatzzweck. Wesentlichen Einfluß auf das Fahrverhalten haben:
1. Für die Schnelligkeit
Die Form des Unterwasserschiffes (der Teil des Bootes, der
unterhalb der Wasseroberfläche liegt) gibt Aufschluß über die
Schnelligkeit eines Bootes (Widerstand beim Paddeln). Je länger
und schmaler der im Wasser liegende Teil, desto leichter
(geringerer Kraftaufwand) läßt sich das Boot vorwärts bewegen -
"Länge läuft". Typischer Einsatzbereich: lange Touren auf
stehenden Gewässern (tendenziell Wandercanadier bzw.
Tourencanadier). Sehr wichtig sind auch die Winkel an Bug und
Heck des Canadiers. Wenn ein Canadier schon kurz nach den
Spitzen breit wird ("Badewanne"), muß man beim Paddeln mehr
Kraft aufwenden als bei einem Boot, das nur langsam breiter
wird. Kurze Boote benötigen ein breites Bug und Heck um die
nötige Zuladung tragen zu können. Auch Boote die für bewegteres
Wasser/ Wildwasser geeignet sind, haben zur Erzielung eines
hohen Auftriebes ein voluminöseres Bug/ Heck.
2. Für die Wendigkeit bzw. Richtungsstabilität
Die Wendigkeit (auch Manövrierfähigkeit) resultiert aus drei
Faktoren:
a. Länge des Bootes
kurz = wendig (tendenziell Wildwasserboot)
lang = richtungsstabil (tendenziell Wanderboot)
b. Kiellinie (Kielsprung bzw. Rocker)
Gerade = richtungsstabil (tendenziell Wanderboot)
Gebogen = wendiger (tendenziell Wildwasserboot)
c. Querschnitt des Unterwasserschiffes
Flach = wendig (gut für Wildwasser, geringer
Querwiderstand)
V-Boden oder = richtungsstabil (tendenz. Wanderboot)
halbrunder Boden
Kiel: Ein Canadier sollte nur dann einen Kiel haben, wenn er
ausschließlich auf Seen verwendet wird (guter Geradeauslauf,
geringere Seitenwindempfindlichkeit, Schutz des Bodens (z.B.
bei Holzbooten)). Auf bewegtem Wasser sollte das Boot auf
keinen Fall einen Kiel haben (schlechte Manövrierbarkeit,
Gefahr an Unterwasserhindernissen hängenzubleiben
umkippen).
3. Für die Kippstabilität
Gerade Anfänger und Familien mit Kindern sollten die
Kippstabilität eines Canadiers nicht unterbewerten. Ob man ein
gutmütiges Freizeitkanu, ein Boot für den versierten
Tourenpaddler oder einen kippeligen Wildwassercanadier vor sich
hat, erkennt man an der Breite und wiederum am Querschnitt des
Unterwasserschiffes:
a. Breite an der Wasserlinie: breit = kippstabil
b. Querschnitt des Rumpfes:
flacher Boden = höchste Anfangsstabilität,
geringe
Endstabilität und geringe
Reservestabilität
flacher V-Boden = hohe Anfangs- und
Endstabilität, geringe Reservestabilität (tendenziell
Seecanadier)
halbrunder Boden = geringe Anfangs- und
Endstabilität (tendenziell Wildwassercanadier u. schnelle
Tourenboote)
Die meisten universell einsetzbaren Wander-Canadier sind ein Kompromiss aus Flach-Boden und leicht V-förmigem Boden. Bei Wildwassercanadiern und Tourencanadiern findet sich ein rundlicher Boden.
Gibt's den idealen
Canadier?
Bei genauerem Studium wird man erkennen, daß die Summe aller
Eigenschaften eines Canadiers immer nur einen Kompromiß
darstellen kann. So kann ein Wandercanadier nicht optimal
schnell sein (schmales Boot) und gleichzeitig sehr kippstabil
(breites Boot). Auch gute Wendigkeit (kurzes Boot mit
Kielsprung) und hohe Richtungsstabilität (langes Boot mit
gerader Kiellinie) schließen sich gegenseitig aus. Trotzdem ist
der Einsatzbereich eines Canadiers enorm groß, prinzipiell kann
man jedes Boot für alle Einsatzbereiche nützen - extremes
Wildwasser natürlich ausgenommen. Aber jedes Boot hat seinen
eigenen Charakter. Wer vornehmlich Langstrecken hinter sich
bringen will, muß normalerweise bei der Wendigkeit Abstriche
machen - und umgekehrt. Auch bei der Wahl des Materials muß
letztendlich ein Kompromiß gewählt werden.
Zuladung
Der klassische Canadier ist eher ein Transport- und
Fortbewegungsgerät als ein Sportgerät. Er bietet deshalb die
Möglichkeit, alles Notwendige für längere Touren zu verstauen
(Verpflegung, Zelt, Schlafsack, Hund usw.). Dafür ist ein
Canadier mit hoher Zuladung notwendig. Sie wird bestimmt von
der Länge und Breite des Bootes sowie der Höhe der Seitenwand,
d.h. von der Wasserverdrängung. Die maximale Zuladung ist bei
15 cm Freibord erreicht und sollte beim Vergleich verschiedener
Boote untereinander als Maß herangezogen werden. Es bringt
nichts, wenn ein Hersteller eine sehr hohe Tragkraft/Zuladung
für seine Boote angibt, die Süllränder dann aber schon unter
Wasser liegen. Zudem sollte man beachten, daß ein Boot seine
Fahreigenschaften bei hoher Beladung erheblich verändert, es
wird in der Regel deutlich träger und schwerfälliger reagieren.
Wenn Fahrten mit Gepäck geplant sind oder schwergewichtige
Personen damit reisen möchten, sollte deshalb ein Boot mit
hohen Zuladungsreserven und im Zweifelsfall lieber eine Nummer
größer gewählt werden (z.B. bezüglich Länge).
Notwendige Ausrüstung
Zur unbedingt notwendigen Ausrüstung eines Bootes gehören:
- Fangschlaufen an Bug und Heck
- Auftriebskörper
Bei Auftriebskörpern muß man unterscheiden zwischen:
- Unbedingt notwendige Auftriebskörper, um ein Boot unsinkbar zu machen und
-
großvolumigen Auftriebskörpern um ein Boot für bewegtes
Wasser bzw. WW-Einsatz tauglich zu machen.
Das Stechpaddel
Es gibt zwei grundsätzliche Paddelformen:
- Stechpaddel beim Canadier
- Doppelpaddel beim Kajak
Das Stechpaddel besteht aus Blatt, Schaft und Knauf.
Knauf- und Blatt-Ausführungen
Sowohl beim Knauf als auch beim Blatt sind verschiedene Formen
auf dem Markt. Als Knauf findet standardmäßig der T-Griff bzw.
Spatengriff Anwendung und ist für den universellen Einsatz zu
empfehlen. Eine Sonderform stellt der Palmgriff dar. Beim
Palmgriff ist der Knauf als "runder Knubbel" ausgebildet, der
sehr gut in die gekrümmte Handfläche passen sollte. Holzpaddel
mit Palmgriff haben häufig auch ein langes schmales Blatt, das
zur ermüdungsfreien, kräfteschonenden Zurücklegung weiter
Strecken auf großen Fließgewässern oder Seen dient.
Es ist ein Genuß, wie diese Paddelblätter durchs Wasser schneiden. Sie sind für den oben beschriebenen Einsatzzweck in den Händen eines versierten Paddlers vorgesehen (vor allem die extrem schmalen und langen Blätter).
Für Allroundpaddler bzw. den Paddelnovizen kommen
eigentlich nur die mehr oder weniger rechteckigen Blattformen
in Betracht, die eine Größe von ca. 20 x 40 cm haben, aus den
unten aufgeführten Materialien gefertigt sein können und
üblicherweise mit einem T-Griff ausgestattet sind. Holzpaddel
mit solchen Standardblättern haben teilweise auch einen
Palmgriff. Wer es allerdings im bewegteren Wasser/ Wildwasser
einsetzen möchte, dem würde ich in diesem Fall eher zu einem
T-Griff raten.
Bei der Wahl der Blattgröße für ein Allroundpaddel sollte man die eigenen Kraftreserven und Körperstatur berücksichtigen und nicht unbedingt das aller größte aussuchen. Wenn verschiedene Paddel beim Kauf verglichen werden zudem auf das Gewicht achten, je leichter desto besser.
Mit freundlicher Genehmigung aus dem Canadier Handbuch von Ralf Schönfeld






