Internationale Sommer-Oder-Fahrt

Auf Paddeltour in der deutsch-polnischen Grenzregion

Die unter dem Motto „Die Oder - 3 Länder Tschechien, Polen, Deutschland - ein Fluss der verbindet!“ stattfindende Internationale Sommer-Oder-Fahrt startete bei ihrer 12. Auflage mit einem besonderen Moment: Zum offiziellen Start am 23. Juni 2018 gedachten die 65 Teilnehmer aus Bulgarien, Österreich, den Niederlanden, Polen und Deutschland dem im April kurz vor seinem 81. Geburtstag verstorbenen Gründer und langjährigen Leiter der Fahrt Hilmar Schmidt. Sein eng mit der Fahrt verbundener Name und seine Verdienste um die Tour werden fortleben, ihm zu Ehren trägt die Internationale Sommer-Oder-Fahrt von nun an den Zusatz „Hilmar Schmidt“.

In diesem Jahr begann die während 14 Tagen über rund 465 km sozusagen von der „Quelle bis zur Mündung“ gehende Gepäckfahrt erstmals im polnischen Raciborz (Oberschlesien) unweit der tschechischen Grenze. 30 Kanuten nahmen am Tag vor Fahrtbeginn die Gelegenheit wahr, bei einer Vorfahrt auf der naturbelassenen Oder ab dem tschechisch-polnischen Grenzort Chalupki über 30 km bis Raciborz zu paddeln. Die anderen Teilnehmer begaben sich u. a. bei einer Führung in Lubowice auf die Spuren des deutschen Heimatdichters Joseph v. Eichendorff, die sehr emotional deutlich machte, was dessen Wirken für die deutsche Minderheit in Oberschlesien heute noch bedeutet. Und dies traf sich auch mit dem Anliegen der Sommer-Oder-Fahrt: Dass seit vielen Jahrhunderten Tschechen, Polen und Deutsche in der Region friedlich miteinander leben, ist deren schönste Botschaft.

Auf naturbelassenem Fluss durch wechselvolle Historie

In drei Etappen führte die Gepäckfahrt zunächst ca. 100 km über Kozle und Krapkowice nach Opole. In Krapkowice begleitete ein Kamerateam des „Schlesienjournals“ aus Opole einen Vormittag lang die Tour. Sein Bericht war eine gute Werbung für die Oder-Fahrt und brachte den Fernsehzuschauern die grenzüberschreitende Botschaft „Ein Fluss, der verbindet“ nahe.

Immer der Sonne und dem Wind entgegen, erlaubte die 1. Etappe freies Fahren ohne Hindernisse. Zu Beginn der 2. Etappe warteten ab Kozle vier Schleusen im Abstand von jeweils ca. 8 km, was eine geordnete Fahrweise aller Teilnehmer zur Folge hatte und nicht unbedingt jedermanns Sache war. Auch die 3. Etappe von Krapkowice nach Opole hatte auf ihren 26 km vier Schleusen zu bieten. Bei einem Obulus von gut 1 € pro Schleusung und Boot kommt bei 50 Booten so einiges an Schleusengebühren zusammen. Dafür entschädigte aber die schöne, kurvenreiche Flussführung und das naturbelassene Umfeld der Oder. Eine Stadtführung durch das historische Opole, der Hauptstadt Oberschlesiens, führte den Teilnehmern zudem Geschichte im Wechsel der Zeiten vor Augen.

Nach der Überführung der Fahrzeuge von Raciborz nach Opole wartete am Folgetag der logistisch anspruchsvollste Tag auf die 25 Kraftfahrer, denn der gesamte Tross begab sich mit Autos, allen Kanuten, Booten und Gepäck auf die 250 km lange Fahrt nach Nowa Sol. Dort ging es nach einem kurzen Mittagessen für die Kraftfahrer noch gut 220 km weiter bis nach Schwedt, wo schon ein Reisebus wartete, um alle wieder zurück nach Nowa Sol zu bringen. Erfreuliches Fazit dieser ungewöhnlichen „Zwischenetappe“: Es hat alles gut geklappt, keine großen Staus, keine Unfälle und alle haben im Zeitrahmen das Ziel gefunden.

Auf alter Route drohen massive Eingriffe in die Natur

Die Tour war nun wieder auf der alten Flussroute Wroclaw – Szczecin unterwegs und die Teilnehmer konnten ihre Fahrt ohne Hindernisse fortsetzen. Neben dem Anliegen, der Oder-Fahrt mit dem Kennenlernen von der Quelle bis zur Mündung auf dem Wasser und an Land neue Facetten abzugewinnen, waren die schon seit eineinhalb Jahren an der gesperrten Schleuse Brzeg Dolny anhaltenden Baumaßnahmen ein zweiter, wesentlicher Aspekt für den geänderten Verlauf der Route. Ein Ende der Arbeiten ist nach wie vor nicht in Sicht. Gut 20 km weiter wurde zudem in der Nähe des Klosters Lubiaz mit dem Bau einer neuen Schleuse begonnen und es sollen noch etwa 20 weitere Schleusen bis zur Ostsee gebaut werden. Europaschiffe sollen dann einmal einen Großteil der Güter auf der Oder transportieren. Dies brächte einen riesigen Eingriff in die Natur mit sich. Ein „Für und Wider“ ist entbrannt. Auch künftige Oderfahrten werden von den Auswirkungen betroffen sein.

Auf die Teilnehmer der diesjährigen Fahrt warteten von Nowa Sol aus zunächst gemütliche 41 km allerdings bei glühender Sonne und Wind von vorn bis zum Biwak von Cigacice, wo schon ein umsichtiger Barbetreiber auf die Paddler wartete, um ihnen kulinarisch fast jeden Wunsch zu erfüllen, einschließlich eines tollen Lagerfeuers.

Es folgten weitere 43 km nach Krosno Odrzanskie. Niedriger Wasserstand lud auf den vielen jetzt vorhandenen Sandbänken zum Rasten und Baden ein. Die nächste Etappe führte dann zur Hälfte noch auf polnischem Boden und ab Ratzdorf (Einfluss der Görlitzer Neiße) zur anderen Hälfte bereits auf deutscher Seite, bis schließlich nach gut 11 km die große Schleuse von Eisenhüttenstadt mit ihren 13 Metern Hubhöhe erreicht war. Ein herzliches Willkommen auf polnisch und deutsch begrüßte die Oder-Paddler am Anleger des Kanuclubs. Die Eisenhüttenstädter Kanuten kümmerten sich in großer Zahl um die Ankömmlinge, vom Boote aufs Land bringen über Kaffee, Mittagessen, Grillen und dem gemeinsamen gemütlichen Abend spürte man ihre herzliche Gastfreundschaft.

Die nächste Etappe führte die Oder-Paddler über 35 km bis zum Frankfurter Ruderclub. Für viele von ihnen bot sich dort zum ersten Mal die Gelegenheit, über die „Oder – Neiße Friedensgrenze“ auf der Brücke der Freundschaft dem polnischen Slubice einen Besuch abzustatten. Natürlich ließen die Kanuten sich nicht entgehen, auch das Stadtzentrum von Frankfurt/Oder zu besichtigen.

Sonne, Hitze und Gegenwind bleiben ständige Begleiter

Nach dem Aufenthalt in Frankfurt stand die mit 50 km längste Etappe der diesjährigen Oder-Fahrt auf dem Programm. Unterbrochen von einem Mittagessen auf halber Strecke beim Fischer in Bleyen, kostete es auf dem Weg nach Kienitz bei sengender Sonne, gut 30 Grad C und stetigem Wind von vorn viel Mühe und Anstrengungen, das Tagesziel auf dem gewohnten Biwakplatz hinter der Gaststätte „Zum Hafen“ zu erreichen. Dies hielt einige Kanuten jedoch nicht davon ab, noch einen kleinen Rundgang durch Kienitz zu machen.

Die gesamte Region von Frankfurt/Oder bis Stettin war im II. Weltkrieg ab Januar 1945 Schauplatz schwerster Kämpfe zwischen der Roten Armee und der deutschen Wehrmacht. Kienitz erlangte besondere Bedeutung, denn dort war schon im Februar 1945 der erste sowjetische Brückenkopf über die Oder errichtet worden.

Nach einem tollen Frühstück, zubereitet durch das Hafenteam, waren die Paddler bestens gerüstet für die nächste Etappe über 33 km zum Naturcampingplatz auf dem „Buhnenkopf“ in Hohensaaten. Dort versorgt Herr Becker schon seit der 1. Oder-Fahrt die Kanuten mit Trinkwasser, Kuchen, Eierlikör und vielem mehr, was einen durstigen Paddler erfreut. Diesmal hatte er sogar extra einen Bierwagen samt Team organisiert, das die Oder-Paddler super bis in die Nacht hinein mit allem versorgte. Und da sich zu den Kanuten auch noch etliche Radfahrer des Oder-Neiße Radweges sowie Einheimische gesellten, wurde aus dem Abend gar ein kleines, spontanes Dorffest. Neben einem herzlichen Dank an Herrn Becker waren sich beim Frühstück am nächsten Morgen alle Beteiligten einig in der Absicht, in zwei Jahren wiederkommen zu wollen!

Als nächstes Ziel steuerten die Paddler nun nach gut 37 km das Wassersportzentrum in Schwedt an. Hier sorgte am Folgetag ein Ausflug per Bus zum Schiffshebewerk nach Niederfinow für das touristische Highlight der diesjährigen Oderfahrt in Deutschland. Bei der Besichtigung fiel der Blick auch auf das neue Schiffshebewerk gleich nebenan, das 2014 fertig sein sollte, nun spricht man von 2020, ähnlich wie beim BER.

Wieder in Schwedt, kündigte sich schon langsam das Ende der Sommer-Oder-Fahrt 2018 an, denn es hieß, die meisten Autos zum Zielort nach Szczecin umzusetzen. Etliche Teilnehmer beendeten zudem in Schwedt ihre Fahrt, aber es gab auch noch Neuzugänge.

Hoffnungsvoller Blick voraus auf die Tour 2020

Auf der letzten deutschen Etappe über 25 km nach Mescherin war es dann wie immer in diesem Jahr: Sonne pur, über 30 Grad C und Wind von vorn. Am Abschlussabend gab‘s dann für die Teilnehmer bei Bigos und Pirogy die begehrten Oder-Wandermedaillen, je nach gefahrener Streckenlänge. Natürlich wurde auch Bilanz gezogen, unterm Strich blieb für viele Teilnehmer das Fazit, viele schöne Erlebnisse gehabt zu haben und mit einer tollen Truppe immer auf Kurs geblieben zu sein. Das Miteinander, die gegenseitige Hilfe und das Kennenlernen der Kanuten untereinander prägte die ganze Zeit über die diesjährige Sommer-Oder-Fahrt, die wahrlich keine Urlaubsfahrt zum Relaxen war, dafür forderte Mutter Natur doch so manches ab. Nach 27 km auf der letzten Etappe bis Szczecin/Dabie ging’s für viele Teilnehmer direkt nach Hause, einige paddelten aber auch bis nach Mescherin bzw. 50 km nach Schwedt zurück.

Peter Stolle, „Commander“ der Fahrt 2018, blickt nun schon zur nächsten Sommer-Oder-Fahrt im Jahr 2020 voraus. In welcher Form, über welche Strecke und mit welchem Startort sie stattfindet, wird sich zeigen. Sein großes Ziel ist es jedenfalls, auch tschechische Kanuten für die Fahrt zu gewinnen. Jegliche Tipps und Hilfe bei der Kontaktaufnahme sind ihm dabei sehr willkommen.

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