13. März 2021

Gemeinsam alleine unterwegs?

Foto: Gabriele Koch

Paddeln in Gruppen, das ist eine Forderung für die Kanusport-Sicherheit. Aber gerade von Gruppenfahrten der Wanderfahrer sind viele Beispiele bekannt, wo man zwar die gleiche Strecke am gleichen Tag paddelt, und auch Abends zusammen sitzt, auf dem Wasser aber jeder zu seiner gewählten Zeit und seiner eigenen Geschwindigkeit alleine unterwegs ist. Das muss noch nicht zu einem Konflikt führen - Gabriele Koch wirft trotzdem einige Fragen auf und schlägt Lösungsansätze vor.

Von Gabriele Koch, Ressortleiterin Service

 

"Ich liebe Gemeinschaftsfahrten!
Und mit diesem Text möchte ich andere dazu anregen, sich mehr mit diesem Thema zu beschäftigen; ich möchte Stark machen, die Gemeinschaft und die Kameradschaft mit anderen Paddlern zu suchen und auch selbst lebendiger Teil solcher Fahrten zu werden. Jeder in einer Gruppe kann diese aktiv mitgestalten und sie zu einer erfolgreichen Fahrtengemeinschaft formen!"
Gabriele Koch

 

Gerade in den letzten Jahren habe ich vermehrt von jüngeren Wanderpaddlern gehört, dass sie sich unter einer Gemeinschaftsfahrt mehr Zusammengehörigkeit, Kameradschaft und Miteinander erwartet hatten und enttäuscht von der Fahrt zurückkamen.
Wenn man als Gruppe auf einer Mehrtagestour unterwegs ist, kann es zu Auseinandersetzungen kommen, die letztlich die Gruppe spalten kann und die Sicherheit in der Gruppe gefährdet. Warum passiert so etwas immer wieder bei Gemeinschaftsfahrten, insbesondere bei großen Gruppen und längeren Touren?


„Leadership“ und „group awareness“

Die Begriffe „leadership“ und „group awareness“ sind Begriffe, die wir bei der Stufe 4 der Mindeststandards aller Disziplinen des Europäischen Paddelpass finden. Hier wird auf der einen Seite also die Fähigkeit eine Gruppe zu leiten (beratend, richtungsweisend, organisierend) auf Grund von Erfahrung und Wissen gefordert (leadership) und auf der anderen Seite das Wissen, die Kenntnis und die Wahrnehmung einer sozialen Situation in einer Gruppe (group awareness).
Um die Problematik „Gemeinschaft“ auf dem Wasser näher zu betrachten, müssen wir zunächst Begriffe klären. Wenn wir gemeinsam paddeln gehen, was sind wir dann? Eine Kameradschaft, eine Gemeinschaft, eine Gruppe, ein Team oder eine Interessengemeinschaft? - Genau genommen sind wir Individuen, die sich für eine bestimmte Zeit und ein bestimmtes Ziel, nämlich diese Tour, zusammengeschlossen haben. Mehr weiß man voneinander zunächst nicht.
Während der Tour fängt man dann an, miteinander zu kommunizieren, und dabei gibt es zwei Ebenen der Kommunikation, rechts in einem Eisbergmodell veranschaulicht. Welche Konsequenzen hat das für Planung und Durchführung von Gemeinschaftsfahrten?
Auf der Sachebene steht alles, was man so unter Fahrtenplanung und Sicherheitsmanagement bezeichnen kann. Also gute Vorbereitung, Planung, Vorsorge, auch Auswahl des / der Fahrtenleiter, also Fachkompetenz gehört dazu. Hier kann viel im Vorfeld einer Gemeinschaftsfahrt organisiert werden, das dann auch vor der Fahrt allen Teilnehmern zur Verfügung gestellt werden kann (siehe Homepage der TID z.B.). Hier müssen die Spielregeln klar kommuniziert werden! Die ist ein Teil einer guten „leadership“

 


Eisbergmodell in Anlehnung an Sigmund Freud

 

Dieses Modell geht davon aus, dass ähnlich wie bei einem Eisberg nur ein kleiner Teil der Botschaften, nämlich 20%, direkt wahrnehmbar sind. Dies sind die Informationen der Sachebene. Dazu gehören: Start der 64. TID ist Ingolstadt am 22. Juni 2019 … es sind 60 Teilnehmer angemeldet, die Tour endet am 6.9.2019 am Schwarzen Meer, der Zeitplan ist auf der HP veröffentlicht …

Die Botschaften der Beziehungsebene, die restlichen 80%, ergänzen und beeinflussen den Inhalt der Sachinformationen. Denn über Gestik, Mimik oder Tonfall versuchen wir dem Gegenüber zu vermitteln, wie ein gesagter Inhalt (Sachebene) zu verstehen ist. Die Botschaften werden jedoch versteckt übertragen: Auf der Beziehungsebene geht es um Stimmungen, Gefühle und Wertvorstellungen, die durch Mimik, Gestik oder den Tonfall übertragen werden.
Störungen in der Beziehungsebene entstehen durch Faktoren wie Angst oder Vorerfahrungen. Auch Erfahrungen und Führungsverständnis sind Konfliktpunkte, wenn diese Bedingungen in der Beziehungsebene nicht wahrgenommen werden. Jeder in einer Gruppe hat ein eigenes Rollenverständnis, das nicht immer mit dem Rollenverständnis der anderen zusammenpasst. Denn die Beziehungsebene bestimmt das „wie der Kommunikation“.
Die Sachebene bezeichnet also das "Was" der Kommunikation, der Beziehungsebene das "Wie".
Sobald es Störungen auf der Beziehungsebene gibt, wirken sich diese auch auf die Sachebene aus. Und die Sicherheit einer Fahrt ist unter Umständen gefährdet!
 


Vor der Fahrt: Probleme antizipieren

  • Gruppengröße nicht zu groß
  • Planung vorher absprechen mit TN
  • Erwartungen abfragen
  • Vorabinformationen über Schwierigkeiten, Strecke, Tagesetappen, etc. (Infoblatt)
  • Evtl. Patenschaften bilden (Buddysystem)
  • Gruppenleiter / Zuständigkeiten vorher festlegen
  • Verbindlichkeiten festlegen, z.B. Schwimmweste
  • Plan B schon ansprechen


Die Phasen einer Wanderfahrt

Die meisten Konflikte treten während der Fahrt auf. Nachdem man sich beschnuppert hat, also die Kennenlernphase hinter sich gelassen hat, beginnt die Rollenfindung in der Gruppe. Dabei herrscht Rivalität und das Ich-Denken steht im Vordergrund. Jeder hat sein emotionales Päckchen dabei, der eine „leidet“ an Selbstüberschätzung, der andere spricht nicht von seiner Angst vor den möglichen „Gefahren“ der Tour und wieder ein anderer hat die Tour schon zigmal gemacht und glaubt es gibt nichts mehr, was er nicht schon weiß… Diese Rollen sind keine fest zugeordneten Aufgaben/Titel, sondern es sind durch diese spezifische Gruppe zugeordnete Eigenschaften mit den entsprechenden Erwartungen der Gruppe. Solche Rollen wären: Der Organisator, der heimliche Chef, der Clown, der Hilflose, der Motivierer, das Arbeitspferd, der Besonnene, der kein-bock-Typ, der Oppositionelle…
Aus den Rollen in einer Gruppe erwachsen Beziehungen und können zu einer konstruktiven Dynamik in der Gruppe werden, positiv wie negativ! Dieses wahrzunehmen, erfordert neben „leadership“ auch „group awareness“, die Wahrnehmung der sozialen Situation in der Gruppe. Ein guter Fahrtenleiter solle auch dies können. Allerdings kann jeder Paddler mit der Zeit und der wachsenden Erfahrung diese Fähigkeiten erlernen.
Bei den meisten Tourenlängen kommen wir über diese beiden Phasen nicht hinaus; aber auf längeren Fahrten wie der TID, der Intern. Elbefahrt und ähnlich langen Touren, die länger als eine Woche dauern, bildet sich eine Vertrauensphase, in der Stärken und Schwächen der einzelnen Teilnehmer toleriert werden und ein Wir-Gefühl aufgebaut wird. Läuft alles gut, stellt sich Phase vier als Gruppenabgrenzung – das sind wir, das sind die anderen – ein, die Gruppe wird stabil und schließlich kommt in der Auflösungsphase auch die Trauerarbeit: Schade, dass es schon zu Ende ist, Erlebnisberichte, etc.

 

5 Gruppenphasen nach Bruce Tuckman

1. Kennenlernen
Gruppenmitglieder lernen die anderen Personen kennen und suchen ihre Rolle innerhalb der Gruppe.
Aufgabe Fahrtleitung: Orientierung zu schaffen, Ziele und Aufgaben vorgeben.

2. „Machtkampf“
Aufgaben- und Rollenverteilung
Aufgabe Fahrtleitung: zur Konfliktlösung beitragen, Kritik zulassen - Schlichter,das Verbindende betonen

3. Vertrauen
Wir-Gefühl entsteht, Vereinbarung gemeinsamer Normen
Aufgabe Fahrtleitung: moderierende Funktion

4. Abgrenzung
Fähigkeiten der Gruppenmitglieder werden geschätzt und genutzt
Aufgabe Fahrtleitung: Leiter kann und muss sich zurückziehen, ist nie überflüssig

5. Auflösung
Die Lehrkraft läutet in dieser Phase den Abschied von der Gruppe ein
 

 

Während der Fahrt: Konflikte eindämmen/lösen

Nicht immer brechen bei Fahrten Konflikte offen aus. Meist funktioniert ja alles, oder die Reibungspunkte sind nicht wirklich bedeutend. Gerade bei Tagestouren oder Wochenendtouren reißt man sich ja auch schon mal zusammen.
Es gibt aber auch bekannte Auslöser, die es zum offenen Ausbruch von Konflikten kommen lässt.


Konfliktauslöser:

  • Angst
  • fehlende Informationen
  • Hunger/Durst
  • Erwartungen
  • Leistungsstand
  • Risikobereitschaft
  • Gesundheit
  • Interessen – schnell ans Ziel vs. touristisches Paddeln
  • Bootsmaterial – Steuer vs. Skeg
  • Disziplin

Es reichen dann oftmals zwei Kanuten, um den Gruppenzusammenhalt wie eine Seifenblase platzen zu lassen!


Lösungsansätze – unterwegs

Die Probleme zu erkennen, verlangt viel Erfahrung! Lösungen zu finden für die spezielle Situation noch mehr.
Was ich aus meiner langjährigen Erfahrung als Tourenpaddlerin und meist auch Fahrtenleiterin empfehlen kann, ist, zunächst einmal, mit einander zu reden. Ich versuche weg von der emotionsgeladenen Beziehungsebene auf die Sachebene zurück zu kehren.
Oft hilft es dann auch, Rollen neu bewusst zu verteilen; da kann man dem „Ausreißer“, der immer vorne weg paddelt, die Aufgabe geben, sich um einen schwächeren Paddler zu kümmern. Ich zeige ihm nicht, er war „unartig“, sondern ich ersuche ihn um Hilfe, zeige ihm, wie wichtig er – für die Gruppe – ist, indem ich ihm Verantwortung übertrage.
Manchmal ist es auch gut, eine zu große Gruppe aufzuteilen in Kleingruppen, um Stress abzubauen. Eventuell muss der geplante Plan B aktiviert werden und in letzter Konsequenz kann es auch zum Abbruch einer Tour kommen.

   


Warum überhaupt Probleme lösen?

Es ist nicht einfach, unterwegs auftretende Konflikte befriedigend zu lösen; deshalb wird auch meist gar nicht erst der Versucht unternommen. Schließlich sind wir alle freiwillig in dieser Gemeinschaft unterwegs und keiner kann uns zu etwas zwingen, oder?
Das Ergebnis wäre dann, dass man als Paddler diese großen Gemeinschaftsfahrten meidet, sich dann andere, oft kleinere Gruppen sucht und nur noch mit handverlesenen Kameraden unterwegs ist. Und man glaubt, dass der Begriff Kameradschaft unter Paddlern nur noch ein Mythos ist. Das wäre schade!

 

Weiterführende Literatur

Udo Beier: „Kameradschaft, 10 hilfreiche Pluspunkte“ (2002) und „Gemeinschaft: 10 vermeidbare Fehler … und Tipps für ein konfliktfreies Zusammenpaddeln“ (2003)
Christian Dingenotto: „Seemannschaft bei Seekajakfahren“ (KS 2018/8)
Coaching Handbook von British Canoeing

 


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KANU-SPORT 08/2019
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