20.12.2016 | DKV

Interview mit DKV-Präsident Thomas Konietzko

Aufgrund der aktuellen Entwicklungen im Rahmen der Leistungssportreform in Deutschland und der daraus resultierenden Umstrukturierungen im Deutschen Kanu-Verband sprach DKV-Präsident Thomas Konietzko im Interview über die ersten für den Verband fassbaren Auswirkungen.

Nun liegen die ersten Auswirkungen für den nächsten Olympiazyklus des Deutschen Kanu-Verbandes auf dem Tisch. Geht es mit voller Kraft in die nächsten vier Jahre?

Wenn es so einfach wäre! Mit dem Ausscheiden unseres bisherigen Cheftrainers aus Altersgründen standen wir vor der Aufgabe, diese Stelle neu zu besetzen, mussten jedoch zur Kenntnis nehmen, dass uns für 2017 nicht mehr Mittel für Trainergehälter zur Verfügung stehen. Wir haben uns deshalb entschieden, diese Stelle nicht neu auszuschreiben, bisherige Aufgaben des Cheftrainers an den Sportdirektor zu übertragen und die damit eingesparten Mittel gleichmäßig als Gehaltsaufwuchs auf die im Verband bleibenden Trainer zu übertragen.


War nach dem Erfolg in Rio nicht eigentlich anzunehmen, dass gerade der DKV von der Leistungssportreform profitiert und mehr Unterstützung erhält?

Das habe ich auch gedacht und umso ernüchternder ist die jetzige Situation. Unsere erfolgreichen Trainer werden von der ganzen Kanuwelt umworben. Hier werden teilweise doppelt so hohe Gehälter angeboten, wie wir sie als Verband bezahlen können. Unsere Trainer sind im Vergleich mit anderen Verbänden unterbezahlt, und deshalb war es für uns eine logische Konsequenz, mit dem jetzigen Gehaltsaufwuchs bei den verbleibenden Trainern die entsprechende Anerkennung für ihre Arbeit zu zeigen.


Welche konkreten Veränderungen gibt es Im Bereich des Nachwuchses?

Diese Entwicklung hat uns am meisten überrascht.  Die seit 2014 vom BMI genehmigten Projekte werden nicht über den 1.1.2017 verlängert. Dies betrifft vier Trainer, die nunmehr entlassen werden müssen und die gerade im Bereich der Talenterkennung wichtige Arbeit geleistet haben. Damit entsteht gerade bei der Betreuung von potenziellen Nachwuchsathleten für unsere Nationalmannschaften eine Lücke, die wir nicht schließen können.


Aber bei der Abstimmung der Reform in der DOSB-Mitgliederversammlung war ja auch klar, dass vieles an geplanten Veränderungen Zeit braucht.

Das ist nicht falsch, aber trotzdem waren wir der Annahme, dass wir zumindest mit den vorhandenen Trainern in den neuen Olympiazyklus gehen können. Vieles an dieser Reform ist offensichtlich nicht bis zum Letzten durchdacht, und sie hat uns (Stand heute) mehr geschadet als genützt. Die Diskussion über den Wegfall von Bundesstützpunkten hat z.B. dazu geführt, dass unser Trainer am BSP in Bad Kreuznach so verunsichert war, dass er sich beim Schweizer Verband um eine Stelle beworben hat und uns zum 01.01.2017 verlässt. Auch die vier Trainer, die wir jetzt entlassen müssen, werden schnell wieder Arbeit finden. Wenn sie dann in einem privaten Unternehmen unterkommen werden sie überrascht sein, dass man Überstunden bezahlt und Zuschläge für Sonn-und Feiertagsarbeit bekommt. Sie glauben doch nicht im Ernst, dass diese Trainer wieder zurückkommen werden und einen neuen befristeten Job im Verband annehmen. Im Übrigen bewegt sich der gesamte Sport hier  in einer rechtlichen Grauzone. Das deutsche Arbeitszeitgesetz regelt die gesetzliche Arbeitszeit und den Freizeitausgleich bei Wochenendarbeit. Alles Regelungen, von denen die meisten Trainer zwar gehört haben, die sie aber nie in Anspruch nehmen konnten oder wollten.


Hat nicht Minister de Maiziere einen Aufwuchs der Sportförderung versprochen?

Das war gut zu hören, aber es bleibt offen, wie viel Substanz in dieser Zusage steckt. Für 2017 gibt es für den gesamten Sport weniger Geld als 2016, mit der anstehenden Bundestagswahl 2017 ist abzusehen, dass ein bestätigter Haushalt für 2018 nicht vor Mai 2018 steht und somit in den nächsten anderthalb Jahren keine positive Entwicklung der Mittel für den Sport zu erwarten ist. Und wer dann Sportminister ist und welche Parteien in der Bundesregierung vertreten sind, weiß heute auch noch keiner.


Trotzdem haben die Abgeordneten die Höhe der staatlichen Sportförderung und die Erhöhung der Mittel für den DBS als Erfolg gepriesen.

Die Erhöhung der Mittel für den DBS war richtig und gut. Wir können die Höhe der Sportförderung auch nicht beklagen, immerhin sind dies Steuermittel, die verantwortungsbewusst eingesetzt werden müssen,  sollten sie aber doch im Vergleich zu anderen Ausgaben einordnen:
Deutschland gibt für die Subventionierung von Traktoren ca. 257 Millionen Euro aus, für die Subventionierung von Zahnersatz ca. 260 Millionen. Die Kultur hat aus guten Gründen im Haushalt 2017 eine höhere Anpassung bekommen, als  die gesamte Höhe der deutschen Sportförderung für das Jahr 2017, inklusive der Mittel der Bundeswehr und des BMI, welche insgesamt ca. 200 Millionen betragen.
Auch im Vergleich mit anderen Ländern sind wir bei der Sportförderung höchstens im Mittelfeld. Großbritannien gibt zwar nur 130 Millionen aus Steuermitteln für Sportförderung aus, hat jedoch eine Lotterie aus deren Erlösen nochmals 330 Millionen in die Sportförderung fließen. Deshalb können unsere Politiker nur so viel an Ergebnissen erwarten, wie ihnen der Sport letztendlich wert ist.


Aber sie haben sich persönlich  sehr intensiv für die Reform des Spitzensports in Deutschland eingesetzt und mit dem Sportdirektor des DKV war ein Vertreter des Verbandes an maßgeblicher Stelle in die Diskussionen eingebunden. Jetzt bezeichnen sie die Diskussion in einer Presseerklärung als abstrakt und politisch motiviert.

Es war und ist richtig, dass sich der deutsche Sport Gedanken machen musste, die Steuermittel effizienter einzusetzen. Und im Ergebnis der Diskussionen wurden viele richtige Schlüsse gezogen. Ich habe aber immer auch in dieser Diskussion, übrigens auch im Beisein des Staatssekretärs im BMI Ole Schröder und des Abteilungsleiters Sport im BMI Gerhard Böhm, darauf hingewiesen, dass eine Umsetzung der Reform nur mit einem Mittelaufwuchs möglich ist. Die Politik hat anders entschieden, und wenn ich dem DOSB überhaupt einen Vorwurf machen kann dann den,  dass dieser Zusammenhang nicht deutlicher gemacht wurde. Der Sport hat sich mit seiner Zustimmung einseitig zu den Zielen der Reform bekannt und steckt jetzt in dem Dilemma, dass die Mittel für die Umsetzung fehlen.  Deshalb denke ich,  dass meine Beschreibung, die Reform sei abstrakt und politisch motiviert, nicht ganz falsch ist. Solche Reformdiskussionen haben wir in den letzten Jahren schon viele geführt, erinnert sei nur an die versprochene Trainerinitiative, aber es haperte dann immer an den nötigen Mitteln für eine erfolgreiche Umsetzung. Ich befürchte deshalb, dass es mit dieser Reform nicht anders wird. Vielleicht sollten wir ehrlicher zu uns selbst sein und dann eben feststellen, dass, wenn der deutschen Politik der Leistungssport nicht mehr wert ist als das, was sie jetzt dafür aufwendet, wir langfristig über mittelmäßige Ergebnisse nicht hinauskommen werden.


Also eher ein pessimistischer Blick in die sportliche Zukunft unseres Verbandes

Das kommt auf die Perspektive an: Bis Tokio bleiben viele unserer derzeitig erfolgreichen Sportler aktiv und werden dort sicherlich wieder Medaillen gewinnen. Aber es geht im Großen und Ganzen um Nachwuchssport, der mit diesen Entscheidungen gefährdet ist.
Es gehört daher zur Ehrlichkeit dazu, dass, wenn uns im Nachwuchs an entscheidenden Schnittstellen Trainer wegfallen, wir darüber hinaus Gefahr laufen, als erfolgreichster olympischer Sommersportverband ebenfalls im Mittelmaß, in dem viele andere deutsche Sportverbände schon längst angekommen sind, zu verschwinden.

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