24. Juni 2021

Der Trick mit der Kerze

Workshop_Kerze_Foto: Ch.Zicke, outdoordirekt

Die erste Figur, die beim Playboaten praktiziert wurde war die sogenannte ‚Kerze’. Bei der Kerze rückwärts, auch Sternsquirt oder Hecksquirt genannt, unterschneidet man sein Heck bei der Kehrwasser-Ein- oder Ausfahrt in die Gegenströmung. So richtet sich der Bug auf. Wer dies beherrscht, kann endlose Pirouetten in der Verschneidung drehen. Die klassische Kerze ist einer der Basis-Moves im Riverrunner oder Playboat. Einfach ist das natürlich nicht, aber wie viele Figuren beim Playboaten sieht es recht einfach aus, wenn jemand es kann. Der Workshop gibt wertvolle Tipps, um diesen Move zu trainieren.

Von Christian Zicke, Werne Werne (Outdoordirekt)

 

Er gibt Nachhilfe im Wildwasser:
Christian Zicke

Bereits seit 18 Jahren bin ich als Kanulehrer im Wildwasser unterwegs. Seit dieser Zeit steht für mich das Vermitteln einer nachvollziehbaren und soliden Technik im Vordergrund. Denn nur mit einer besseren Paddeltechnik hat man schließlich mehr Freude auf dem Wasser und ist vor allem auch sicherer unterwegs. Nur wer sich regelmäßig reflektiert und an sich arbeitet, kommt beim Wildwasserfahren weiter. Vor allem Fortgeschrittene Paddler, die sich ihre Technik selbstständig angeeignet oder diese von Freunden beigebracht bekommen haben, kommen irgendwann bei uns in die Kanuschule, weil sie ab einem gewissen Punkt nicht mehr weiter kommen.
Bei outdoordirekt kann man u.a. diesen Move erlernen. Weitere Infos unter www.outdoordirekt.de

 

 

 

Die Rennaissance einer alten Technik

Die Kerze rückwärts. Auch Sternsquirt oder Hecksquirt genannt, ist einer der Basis-Moves im Spielboot. Schon früh wurden Slalomkajaks durch das Unterschneiden des Hecks in die Vertikale gebracht. So können besonders enge Radien gefahren werden. Aus abgesägten Slalomkajaks entwickelten sich dann die ersten Rodeoboote. Das war Anfang der Neunziger Jahre echt voll trendy. Später kamen dann die passenden Plastikkajaks der etablierten Hersteller auf den Markt, wie etwa der Prijon Hurricane, Lettmann Rapid Fire oder der Perception Super Sport. Mit den kürzeren Freestylekajaks verschwand dann die Kerze ein wenig. Es wurden kaum noch elegante Pirouetten gefahren, da die Stummelboote eher zum Überschlag neigen als zum endlosen Kreisen.
Mit den aktuellen Riverrunnern hat die Kerze eine Renaissance erlebt. Es wird wieder heckgesquirtet. Wie elegant das aussieht, das hängt allerdings sehr stark von der Technik des jeweiligen Paddlers ab. Denn nur, wer die Bewegung der Kerze richtig einleitet, der kommt auch richtig zum Stehen und Drehen und kann dann endlose Pirouetten drehen.

 

Anfahrt

Egal, ob man aus der Strömung kommt und ins Kehrwasser fährt oder ob man aus dem Kehrwasser startet: Man muss die Verschneidungslinie ungefähr in einem 90-Grad-Winkel überfahren. Je spitzer der Winkel wird, desto langsamer dreht das Kajak in die Gegenströmung und desto weniger Momentum kann ich in die Bewegung mitnehmen.

Tipp! Checkt die Strömungsverhältnisse in eurer Linie. Wo fahre ich genau aus dem Kehrwasser?

Impuls

Sobald das Kajak von der Gegenströmung erfasst wird, muss ich reagieren. Jetzt folgt für alle klassischen Paddler der schwerste Teil: das Umdenken. Ich muss nämlich in den Moment, in dem das Kajak anfängt zu drehen, falsch herum kanten, damit mein Heck Wasserdruck abbekommt. Fahre ich also aus dem linken Kehrwasser, muss ich nach rechts kanten.

Tipp! Mit der Drehbewegung kante ich das Kajak falsch herum.

Körper

Gleichzeitig zum falsch herum Kanten, wird mein Körper vorgespannt. Versenke ich die rechte Kante, dreht mein Oberkörper nach links. Die Hüfte wird abgeknickt. Die Arme bleiben nahezu statisch und bilden mit den Schultern die „Paddelbox“. Die Arme werden so gut wie nicht geneigt, die Bewegung kommt aus der Oberkörperrotation.

Tipp! Körpervorspannung aufbauen durch Körper-Vorrotation.

Paddel

Ist das Paddel parallel zum Kajak, wird das hintere Paddelblatt ins Wasser geführt (Versenke ich die rechte Kante, Konter ich mit dem linken Blatt). Das Paddelblatt dient der Stabilisierung. Würde ich es nicht versenken, würde mein Kajak über die rechte Kante kippen. Das Paddel dient als „Anker“. Das Kajak dreht sich um das verankerte Blatt, ich versuche nicht, dieses aktiv nach vorne oder hinten zu führen. Das Paddelblatt muss während der gesamten Bewegung im Wasser bleiben. Nehme ich das aktive Blatt aus dem Wasser, falle ich zur Gegenseite um.

Tipp! Das Paddel ist der Fixpunkt, um den sich das Kajak in die Senkrechte schraubt

Tipp! Das Entscheidende bei der sauberen Kerze ist die richtige Dosierung der Kante. Wer zu viel kantet, wird automatisch in die Außenkurve fallen.

 

Schritt-für-Schritt zur Kerze

Übe den Bewegungsablauf am besten erst im Flachwasser. Nimm anfangs ganz wenig Kante und steigere diese langsam.

 

Anfahrt. Sobald das Kajak vom Kehrwasser erfasst wird, dreht die Spitze nach links. In diesem Moment schaue ich über meine linke Schulter, nehme den Oberkörper mit und führe das Paddel parallel zum Boot

Bevor ich in die Außenkurve kippe, kommt das Paddel als „Anker“ zum Einsatz. Der Oberkörper ist nach wie vor nach links vorgespannt.

Langsam steigt der Bug, das Paddelblatt bleibt im Wasser und das Kajak dreht sich um das Paddel während die Körpervorspannung langsam abgebaut wird.

Am Anfang ist es nicht entscheidend, dass das Kajak senkrecht steht. Vielmehr ist wichtig, dass es nicht in die Außenkurve kippt und ich das Paddel im Wasser lasse um weiter drehen zu können.

 


 


Über Outdoordirekt

Seit 2003 gibt es die Kanuschule Outdoordirekt. Anfangs noch aktiv als Kanu- und Outdoorschule, haben sich Nadja und Christian Zicke seit 2011 dem Kanusport verschrieben. Seitem ist das professionelle Kursprogramm immer weiter ausgebaut worden. Das kleine Team ausgewählter Kanulehrer, das Christian und Nadja bei den Kursen und Reisen unterstützt, besteht aus professionellen Sportlern und Expeditionisten.

Nadja und Christian können zusammen nicht nur auf unzählige Stunden Erfahrung im Wildwasser- und Seekajak zurückgreifen, sie sind seit 1998 auch regelmäßig mit Kanuschülern unterwegs. Von Anfang an zählten für beide der Spaß und die Freude am Vermitteln des Kajaksports ebenso wie die professionellen Lehrinhalte und das didaktisch immer weiter optimierte Schulungskonzept. Durch die viele Erfahrung fällt es den beiden leicht, Kanuschüler-orientiert ihr Wissen zu vermitteln oder bereits vorhandene Fehler auf Anhieb zu erkennen und diese durch gezieltes Üben auszumerzen.

Das kleine Team ausgewählter Kanulehrer, das Christian und Nadja bei den Kursen und Reisen unterstützt, besteht aus professionellen Sportlern und Expeditionisten. Doch das allein macht keinen guten Lehrer aus. Deshalb durchlaufen unsere Kanulehrer eine intensive Ausbildung bei uns im Betrieb. Außerdem muss jeder Kanulehrer sein didaktisches Geschick in einer oder mehreren Hospitationen unter Beweis stellen, bevor er bei uns schult.

Weil das Lernen in lockerer Atmosphäre und in kleinen Gruppen das Allerwichtigste ist, wird das Verhältnis von Kanulehrer zu Schüler dem jeweiligen Kursgebiet angepasst, es ist aber nie höher als 1:6. So setzt Outdoordirekt hohe Standards in den Bereichen "Sicherheit" und "Lern-Intensität".


Weitere Infos und Kursangebote auf www.outdoordirekt.de

 


Diesen Artikel sowie weitere Touren, Beiträge und Themen findest du im KANU-SPORT 9/2019:

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