27. Februar 2021

Der richtige Wurf

Die Rettungswurfleine oder wahlweise (Rettungs-)Wurfsack bzw. Wasserrettungswurfleine gehört als Basis-Sicherheitsausrüstung bei jeder Tour an Board. Doch Hand auf`’s Herz: Wann wurde zuletzt das Werfen geübt? Welche Wurftechniken gibt es? Wie und wo muss ich stehen? Und welcher Wurfsack ist eigentlich der Richtige? Wer jetzt ins Grübeln kommt, findet hier die passenden Antworten.

Von Sabine Stümges

 

Als erfahrener Paddler denkt man beim Thema Sicherheit und Rettung gerne: ja klar, das kann ich doch. Doch wenn man dann unter Stress plötzlich handeln muss, merkt man schnell, dass es gar nicht so einfach ist. Denn im seltensten Fall wird aus einem ruhigen See gerettet. Alles ist in Bewegung – auch die zu rettene Person. Dann ist Besonnenheit und das Wissen um die richtige Technik gefragt.

Eine Rettungsaktion durch einen Wurfsack kann in folgende Abschnitte aufgeteilt werden: Standortwahl, Vorbereitung, Seilwurf, (ggf.) Nachwurf, die abschließende Bergung sowie (der Vollständigkeit halber) das schlussendliche Befüllen. Worauf kommt es jeweils an?


1. Standortwahl

Ein paar Sekunden entscheiden über den Erfolg der Rettungsaktion. Bevor man hektisch den Wurfsack rauswirft, sollte man die Stelle überblicken und schauen, wo der Paddler an Land gezogen werden kann. Der Paddler unternimmt währenddessen gegebenfalls Rollversuche oder verlässt sein Boot – dabei kann sich seine Position noch verändern!

  • Stehe ich selber sicher – kann ich einen Paddler aus dem Wasser ziehen ohne abzurutschen?
  • Möglichst kurze Distanz zum Schwimmer!
  • Habe ich Sichtkontakt zum Schwimmer?
  • Kann ich mich hinsetzen? Platz für einen Helfer?
  • Welche Gefahren können entstehen? Ist die
  • Bergungsstelle und unmittelbar flussabwärts sicher? (Unterspülung, Uferbeschaffenheit, Steine) Beim Herausziehen „pendelt“ der zu Rettenede!
  • Kann der zu Rettenende sicher anlanden? Gibt es ein „unterstützendes“ Kehrwasser?
  • Passt mein Standort zu den natürlichen Gegebenheiten vor Ort?
    • natürlichen Stufen /  Wehren: Standort unmittelbar an der Gefahrenstell, möglichst oberhalb eines Kehrwassers.
    • längere Schwallpassage: am Ende des Schwallwassers stehen, wo es wieder ruhiger wird. So ist die Last auf dem Seil geringer und das Risiko von Steinen und anderen Hindernissen ist geringer. Allerdings muss der zu Rettenende erst eine Schwimmstrecke überwinden.


2. Letzte Schritte vor dem Wurf:

Bevor man zum Wurf ausholt, ein letzter Check:

  • Stehe ich in Schrittstellung (wirft man mit rechts, steht der linke Fuß vorne)?
  • Habe ich den Sack geöffnet und maximal zwei Meter Seil entnommen?
  • Seilende in der Halte-, Sack in der Wurfhand?
  • Das Seilende nicht um die Hand oder um einen Baum wickeln!
  • Werde ich von einem Helfer (falls vorhanden) abgesichert?


3. Der Erstwurf

Jetzt geht es los. Das sollte auch der Schwimmer wissen, deshalb Blickkontakt aufnehmen und mit einem lauten Ruf „Seil“, den Wurf ankündigen.
Es gibt zwei Möglichkeiten zu werfen: von unten, das nennt man Schockwurf, und von oben, was Schlagwurf genannt wird.
Und so albern es klingt, es ist dennoch ein sehr häufiger Fehler. Daher noch einmal der Hinweis: Das Seil beim Wurf festhalten! Die Hände frei und das Seil sicher am Körper hat man mit der Schultersicherung: Dazu das zwei bis drei Meter Seil aus dem Beutel nehmen und hinten unter dem Wurfarm hindurch um den Oberkörper zu der Hand führen, die das Seil festhält (Also die schwächere Hand). Unter dem Wurfarm hindurch über den Rücken über die andere Schulter.

 

4. Der Nachwurf

Im (stark) fließenden Gewässer hat der Rettende meist nur einen Versuch. Danach ist der Schwimmer abgetrieben. Deshalb ist es um so wichtiger zu üben! Es ist für erstaunlich, wie schwer es ist, mit dem Wurfsack ein bewegtes Ziel zu treffen. Trotzdem macht es Sinn, auch den Nachwurf zu trainieren. Manchmal bietet sich doch eine zweite Chance (wenn der Paddler zum Beispiel im Rücklauf rotiert) oder es kommt ein zweiter Paddler im Wasser vorbeigetrieben und man hat keine Zeit, den Wurfsack vorher wieder zu befüllen. Dann muss es schnell gehen:

  • Sind mehrere Wurfsäcke vorhanden? Dann als erstes den zweiten noch unbenutzten verwenden.
  • Das Seil in gleichmäßigen Schlingen einholen
  • Die Schlaufen liegen in der Wurfhand, das Seilende hält die Haltehand
  • Den Wurfsack mit ein wenig Wasser befüllen und noch einmal auswerfen
  • Wurftechnik wie beim Erstwurf

Gerade letzer Punkt zeigt, warum der Nachwurf unbedingt seperat trainiert werden muss - ein mit Wasser befüllter Sack fliegt völlig anders.

Niemals:

  • Seil nicht ordentlich eingeholt - verfängt sich beim Zweitwurf
  • Seil wieder in den Wurfsack stopfen - unnötig, kostet Zeit
  • Sack mit Steinen befüllen

5. Halten und Bergen

Während der Wurfversuche lässt sich der zu Rettenede (wenn möglich) auf dem Rücken treiben. Dadurch kann er mit den Beinen ein wenig steuern und sich notfalls von Steinen abstoßen. Er erkennt schneller den Retter und den Wurf. Trifft der Retter, muss er nur die Arme hochreißen und den Wurfsack fangen.
 

Nun muss der Schwimmer:

  • zieht das Seil fest vor der Brust an den Körper
  • bleibt in Rückenlage
  • vermeidet das Seil zu umschlingen
  • hält Sichtkontakt zum Retter
  • beteiligt sich, wenn möglich, aktiv an der Rettung (zum Beispiel vom Grund abstoßen, Schwimmbewegungen)

Und der Retter:

  • Setzt sich hin, Füße gut abstützen
  • Lässt den zu Rettenden ins nächste Kehrwasser treiben oder
  • läuft bei starker Strömung langsam flussabwärts um den Schwimmer abzubremsen

(Die Tipps hier können nur die allgemeine Theorie wiedergeben: je nach Strömung, Fluss- und Ausrüstungsbeschaffenheit sind hier eventuell andere Methoden empfehlenswerter.)

 


6. Wurfsack wieder befüllen

Wichtig ist, den sauber ausgespülten und vollständig getrockneten Beutel anschließend locker zu befüllen, damit das Seil sich beim nächsten Wurf nicht verheddert. Dafür den Beutel in die Hand nehmen und das Seil über die Schulter legen. Dann Stück für Stück das Seil mit der Hand in den Beutel führen. Wenn man dann darauf achtet, dass man den Wurfsack immer dabei hat, hat man schon wichtige Schritte für die eigene und für die Sicherheit der Paddelkollegen getan.

 

Wann welche Wurftechnik?

 


Schockwurf (auch Pendelwurf)

Die häufigste (und am leichtesten zu erlernende) Variante ist der Schockwurf. Vorteil ist, dass recht große Distanzen überwunden werden können, Nachteil ist, dass man kalkulieren muss, wo man hinwirft, da sich der treibende Schwimmer während der Flugzeit des Wurfsackes weiterbewegt. Daher nicht zu kurz, sondern eher über den Schwimmer werfen.
Für den Schockwurf den Wurfsack mit gestrecktem Arm dicht am Körper hin- und herpendeln (ausholen). Wenn der Wurfsack etwa auf Schulterhöhe ist, loslassen. Nicht früher, damit der Wurfsack in hohem Bogen und weit fliegt. Der Wurf geht gerade nach vorne, der Schwimmer wird während des Wurfes angeschaut.
Man wirft mit gestrecktem Arm, der ausholend von hinten nach vorne geführt wird.


Schlagwurf

Bei kurzen Distanzen lässt sich der Schlagwurf sehr schnell und präzise einsetzen. Geworfen wird hier wie ein Handballer (oder wie bei einer Schneeballschlacht). Der Beutel verlässt die Hand, wenn der Arm nach vorne geradlinig ausgestreckt ist. Dadurch lässt sich der Schockwurf besonders gut einsetzen, wenn man leicht erhöht steht. Durch den geradlinigen Wurf und die besseren Zielmöglichkeiten eignet er sich auch dann, wenn Bäume die Flugbahn beengen.

 

2. Übungen für den perfekten Wurf

Der Besitz eines Wurfsacks alleine steigert nicht die Sicherheit. Jeder Sack fliegt anders, deshalb trainieren Sie regelmäßig. Es mag Jahre dauern bis der Ernstfall eintritt, aber dann muss der erste Wurf sitzen!
 


Übungen an Land

Die ersten Zielübungen macht man an Land, um sich das Einholen zu ersparen. Dabei ist es wichtig, verschiedene Wurfssäcke (oder mindestens den eigenen) und unterschiedliche Techniken zu trainieren.

Ideen für Wurfübungen:
- In die Sitzluke eines Bootes treffen.
- Zwei oder mehrere Personen werfen sich den Wurfsack zielgenau zu. Man lernt hier das Werfen und das Fangen.
- Ein Helm wird auf ein Paddel gesteckt und von einem Übenden getragen, um ein bewegliches Hindernis zu haben oder wahlweise fungiert ein Paddler als lebendes, 
  bewegtes Ziel.

 


Übungen am Wasser

Wenn an Land die Technik sitzt, dann können die Übungen am Wasser fortgesetzt werden. Hier werden gleichzeitig die richtige Kommunikation und Bergung und auch (für den zu Rettenden) das richtige Schwimmen und Fangen trainiert.  Die durch die Strömung des Flusses bedingte Bewegung des Ziels muss nun mitberechnet werden.

Ideen für Wurfübungen:
- Ein Stück Treibholz in der Strömung treffen
- Mehrere Werfer werden am Ufer aufgereiht. Wenn der erste nicht trifft, hat der nächste einen Versuch.


 


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KANU-SPORT 09/2017
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