24. Juni 2021

Expedition auf dem Ivindo

Epedition Afrika_Gabun (Foto: Olaf Obsommer)

Muss das denn sein? Frage die Mutter von Olaf Obsommer auch, als er ihr von seiner geplanten Expedition nach Gabun in Zentral Afrika erzählte. Wo das überhaupt sei, war die nächste Frage. Letztere bekam der Filmemacher noch öfter zu hören, zusammen mit der Anmerkung, dies sei aber gefährlich. Ein spannender Bericht von seiner Reise nach Afrika.

Von Olaf Obsommer

Gabun grenzt an Kamerun, Äquatorialguinea und die Republik Kongo, sowie an den Golf von Guinea. Der Äquator verläuft durch das Land. Gabun ist einer der rohstoffreichsten Staaten Afrikas, mit erheblichen Erdölreserven vor der Küste. Dementsprechend zählen zu seinen Hauptexportgütern Rohöl und Erdölprodukte. Im Landesinneren werden Mangan, Uran und Gold gefördert.

Weiterhin gehört Gabun zu den größten Tropenholz-Exportländern Afrikas – ca. 80 % der Landesfläche sind von tropischem Regenwald bedeckt. Ferner werden für den Export Kaffee, Kakao, Gummi, Palmöl und Zucker angebaut. Kurz gesagt, Gabun zählt zu den reichsten Ländern Zentral Afrikas, ist ein sicheres Reiseland mit wenig Kriminalität im Verhältnis zu seinen Nachbarländern. Diese Informationen haben meine Mama allerdings nicht wirklich beruhigt.

 

Afrika, die heimliche Liebe

Zu der Expedition wurde ich von Deb Pinniger und Nico Chassing eingeladen. Ich war sofort begeistert von der Idee. Afrika ist meine heimlich Liebe. Ein wunderbares und traumhaftes Land. Auge in Auge mit Elefanten, Hippos, Giraffen, Nashörner und, und, und…

Unser Ziel war den Invindo und den Ogooue zu erkunden. Von Makokou bis Booue sind es 180 Km. Von dort sind es weitere 150 km bis Ndjole und nochmals 250 bis zum Mündungsdelta in den Atlantik. Der Ivindo River erstreckt sich vom Nordosten Gabons bis in den Südwesten. Dabei führt sein Lauf durch eine der wildesten und schönsten Regenwaldregionen Afrikas. Außerdem befinden sich hier einige der größten Wasserfälle Zentral Afrikas mit einer Höhe von 30-50m. Der Fluß durchquert den neu gegründeten Ivindo National Park, ein Gebiet reich an exotischer Flora und Fauna, Vögeln und Säugetieren. Der Invido mündet dann in den 1200 km langen Ogooue River.

In der Hauptstadt Libreville, Ausgangspunkt der Expedition, haben wir die letzten Besorgungen getätigt. Macheten, Topographische Karten, Malaria Treatment und andere Kleinigkeiten standen auf dem Einkaufszettel.  Vorort wurden wir von der  Wildlife Conservancy unterstützt. Neben logistischer Hilfe waren wir vor allem dankbar über den Transfer von 450Km zum Einstieg nach Makoukou.
(Tip: Oft ist es leichter Topographische Karten im jeweiligen Land zu bekommen, als umständlich bei uns zu besorgen.)

Nach 12 Stunden Autofahrt sind wir abends in Makoukou eingetroffen. Unser Plan war am nächsten morgen um 6 Uhr einzubooten. Für eine sorglose Nachtruhe fehlte uns noch das Benzin für den Kocher. Kein leichte Aufgabe, wie sich heraus stellte. Die Einheimischen kaufen immer die Tankstellen leer und bieten dann das Benzin auf dem Schwarzmarkt an, und der war ausverkauft. Petroleum war das einzige was wir bekommen konnten. Nach einigen Tests mochte unser Multibrenner auch Petroleum und wir konnten beruhigt einschlafen.

   


 

Meine Gedanken waren bei den Hippos und Krokodilen

In der Nacht verunsicherten mich die Aussagen der Einheimischen, der Fluss wird zu wenig Wasser führen und wir werden teilweise mit unseren Kajaks treideln müssen. Dies würde bedeuten, das wir evtl. viel länger benötigen als geplant. Wir haben für 14 Tage Essen dabei, eine amerikanische Raftexpedition hat für die ersten 180 Km 14 Tage benötigt, das bedeutet einen Tagesdurchschnitt von 12,9 Km. Nicht sehr viel, was wird sie wohl aufgehalten haben.

Am nächsten morgen sind wir voller Erwartungen eingebootet. Meine Gedanken waren bei den Hippos und Krokodilen. Nervös schaute ich die Ufer ab und beobachtete das Wasser. Sind vielleicht doch ein paar Augen zu sehen. So ganz konnte ich den Einheimischen nicht glauben. Keine Hippos und Krokos bis Nodjole und von dort evtl. nur ein oder zwei. Ein Aussage, der ich kein Vertrauen schenken konnte. Nur zu gut erinnerte ich mich an die Befahrung des Shire 1996 in Malawii: Der Gedanke an die Krokodile, die uns verfolgt haben, und den Herden von Hippos stellten meine Nackenharre auf. Zum Glück wurden meine Sorgen nicht bestätigt und wir haben keine einzigen Hippos oder Kroks gesehen.

 

1. Tag Mittwoch 5. September

Wir sind 50 km Flachwasser gepaddelt mit einigen kleinen Stromschnellen und haben nach 10 Stunden unser Tagesziel erreicht. Die Kongoue Wasserfälle, 47m hoch und 1 km Breit. Dort ist auch zu gleich das letzte Merkmal von Zivilisation zu spüren. Eine Lodge für Touristen, allerdings zur Zeit außer Betrieb und so waren wir für uns ganz allein. Die Orientierung stellt das Hauptproblem. Der Fluss sucht sich seinen Weg durch einen Irrgarten von Inseln und Kanälen. Einmal falsch abgebogen und gleich muss die doppelte Strecke bewältigt werden.
Als Übernachtungsplatz wählten wir die Aussichtsplattform der Lodge. Mit Blick auf die Wasserfälle bereiteten wir das Lager vor und sind um 19 Uhr unter den Moskitonetzen verschwunden.
 

 

2. Tag Donnerstag 6. September

Den Vormittag nutzten wir um die Wasserfälle zu erkunden. Über zwei bis drei Stufen bauen die Kongoue Wasserfälle ihr Gefälle ab. Wir konnten für uns keine Fahrbare Linie entdecken und sind nach 6 Stunden unterhalb der Wasserfälle eingebootet. Das Umtragen stellet sich als mühsam heraus und so langsam wurde mir klar warum die Raftexpedition solange benötigt hat. Nach 15 Km paddeln konnten wir kurz vor der Dunkelheit Camp 2 errichten. Eine felsige Insel mit unebenen Untergrund, besser als eine Nacht im dichten Dschungel. Ein unbequeme Nacht offenbarte sich.

 

3. Tag Freitag 7. September

Um 5 Uhr sind wir aufgebrochen. Die Mingouli Wasserfälle waren unser Ziel. Der Fluß fächert noch mehr auf als vorher, man konnte das Gefühl bekommen im Kreis zu paddeln. Das GPS verhinderte dies zum Glück, trotzdem haben wir uns manchmal verpaddelt. Die Mingouli Wasserfälle beginnen mit einem mächtigen WW V Katarakt. Auf einer Strecke von 300m presst sich das Wasser durch ein Grundgesteins Flussbett. Presswasser, Walzen und mächtige Whirlpools versperren den Weg. Die Linie wäre einfach, immer in der Flussmitte verweilen. Wir entscheiden uns zum umtragen. Ein dummer Fehler, eine Kenterung, kann das aus bedeuten. Selbst wenn man den Schwimmer überleben würde, der Weg aus dem Urwald ist der Fluss und ohne Kajak ist dies ein Problem. Denn 250Km querfeldein durch den Busch zu stapfen, ist keine verlockende Alternative.
Beim Anschauen der Stromschnelle tritt Nico beinahe auf eine Kobra. Grade kann er noch auf einen naheliegenden größeren Stein springen. Die Kobra selbst ebenfalls erschrocken verschwindet unter einem Stein. Aber nicht lange, direkt schießt sie unter den Stein hervor um anzugreifen. Nico steht zum Glück unerreichbar auf dem großen Stein. Von dem Zeitpunkt an nehmen wir immer unsere Paddel mit zum Besichtigen, um wenigstens eine Verteidigungsmöglichkeit zu haben.
Letztendlich benötigen wir 6 Stunden zum Umtragen der Wasserfälle. Nach der Hälfte verpaddeln wir uns in einem Seitenkanal. Das Wasser verschwindet unter Bäumen und Büschen. Wir müssen zurück zum Hauptstrom. Eine Passage müssen wir die Kajaks umseilen. Die Fälle selber erscheinen uns wieder zu gewaltig. Theoretische wäre eine fahrbare Linie zu erkennen, nur fehlt uns der nötige Optimismus um uns der Herausforderung zu stellen. Während dem Umtragen können wir schon unseren dritten Übernachtungsplatz sichten. Eine Sandinsel mitten im Fluss kurz unterhalb der Wasserfälle.  
 

 

4. Tag Samstag der 8. September

Es ist noch dunkel, wir werden von Geräuschen im Urwald geweckt. Wahrscheinlich ein paar Elefanten. Wir entschließen uns auf zu stehen. Das Tagesziel sind die Kuete-Mango Wasserfälle.
Nach einigen WW 4 Stromschnellen sahen wir nur noch ein Inferno aus weiser Gicht. Links und rechts tiefster Urwald. Ok wir mussten zurück. Den Hauptstrom finden. Es ist genau das eingetreten wovor wir uns gefürchtet haben. Einen Schritt in den Urwald zu tätigen und gesellige Freunde wie die Gabun Viper, den schwarzen Scorpion und den Schimpansen hallo zusagen. Einmal in den Busch eingetaucht konnten wir auf den Elefantenpfaden unseren Weg suchen. Welch freudige Überraschung. Die Elefanten wandern am Fluss entlang auf immer gleichen Pfaden. So waren diese Wege gut begehbar für uns. Einen Kilometer mussten wir uns zurück arbeiten. Auf dem Wasser fühlten wir uns sicher, nur auf den Elefantenpfaden waren wir nervös, denn zuvor hatten wir eine Kuh mit seinem Jungen passiert. Falls uns Elefanten auf den Wegen begegnen sollten, war unser Plan alles liegen zu lassen und in den Fluss zu springen.
An dem Hauptkanal angelangt konnten wir bis kurz zur Abrisskante der Kuete-Mango Wasserfälle paddeln. Durch Zufall entdecket ich einen Elefantenpfad. Wir waren schon verzweifelt, denn die Aussichten waren nicht rosig, wir hatten uns schon fast entschieden mühselig flussrechts zu umtragen. Dies wäre eine gefährliche und langwierige Angelegenheit geworden. Nach weiteren 15 Km WW III verlockte uns erneut eine paradiesische Sandinsel unser viertes Nachtlager zu errichten. Unser erstes Lagerfeuer verzauberte uns schnell und ruckzuck waren wir im Lummerland.

 

5. Tag Sonntag der 09. September

Früher Morgennebel lauert um unser Camp. Spannung liegt in der Luft. Der letzte Wasserfall mit dem Namen Tsengue Leledi liegt irgendwo vor uns. Werden wir wieder Probleme haben uns in den zahlreichen Inseln und Kanälen zu orientieren. Vielleicht ist der Wasserfall fahrbar. Nach dem das Lager abgebaut ist tauchen wir in den Nebel ein.
Wasserbüffeln beäugen uns skeptisch und wir treiben entspannt dahin. Der Ivindo kommt in Bewegung. WW IV Stromschnellen fordern unsere Aufmerksamkeit und kündigen zu gleich die Tsengue Leledi Wasserfälle an. Wir sind erleichtert, kein Irrgarten an Inseln testet uns. Direkt an der Kante können wir ausbooten. Wir liegen gut in der Zeit und nutzen die wunderbare Aussicht auf die Wasserfälle. Leider können wir für uns keine fahrbare Linie erkennen und entscheiden uns über das Felsband zu umtragen. Unverhofft taucht eine Schlange auf und versperrt uns den Weg. Ein Biss ware tödlich ohne Antiserum. Beeindruckt von der Schnelligkeit und Eleganz der Schlange kehren wir um und wechseln die Seite des kleinen Kanals.
Nach 3 weiteren Stunden auf dem Ogooue erreichen wir Booue. Hier brechen wir die Fahrt ab und reisen mit dem Zug zurück nach Libreville. Zu groß war unsere Sorge und Angst, auf Nilpferd zu treten.

Wir kommen wieder, keine Frage!

 

 


 


Über Olaf Obsommer

Tausendsassa Obsommer bekam die ersten zarten Berührungen mit der wunderbaren Welt des Kanusports als Baby durch die Nabelschnur eingeflößt, natürlich nirgends anderswo, als bei einer Paddeltour seiner Eltern auf dem Rhein.

Dann ging alles schnell. Olaf wurde groß, größer, riesig. Nun bereist er seit Zeiten – schon lange, lange vor der Smartphone-Epidemie – das Universum, um wilde Wasser mit seinem Kajak zu befahren.

Dabei ist immer die Kamera, um die Abenteuer für die Nachwelt zu verewigen. Dafür ist er schon mehrfach mit Filmpreisen und Media-Awards ausgezeichnet worden.

Sein beruflicher Werdegang auf der Überholspur war von längeren Staus beeinträchtigt: Erst hat er eine Ausbildung zum Industriemechaniker abgeschlossen, dann ein Maschinenbaustudium und die Krankenpflegeausbildung abgebrochen, bevor er sich zum examinierten Altenpfleger ausbilden ließ und acht Jahre in diesem Beruf malocht hat. Nun, als selbsternannter Medienmogul, diplomierter Vortragsreisender und Präsident von Big-O-Productions hat Obsommer seine Passion gefunden.


Weitere Infos auf www.obsommer.de
Aktuelle Termine unter Vorträge

 


Diesen Artikel sowie weitere Touren, Beiträge und Themen findest du im KANU-SPORT 3/2020:

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