21. April 2021

Fit für den Canadier

Foto: Lettmann

Grundlegende Techniken von Falk Bruder aus dem Buch „Solo im Kanu“ für effektiveres Canadierfahren.

„Paddeln erlernt man beim Paddeln“. An diesem Ausspruch ist sicher etwas dran. Erste Paddelschläge sind quasi intuitiv zu lernen, einfache Grundschläge führen schon nach kürzester Zeit ans Ziel. Wer im Canadier beispielsweise auch in gemischten Gruppen mit Kajaks problemlos mithalten möchte, dem schadet es nie, die eigene Technik kritisch zu hinterfragen. Mit falschem Stolz steht der Paddler sich möglichweise nur selbst im Weg. Die folgenden Beschreibungen aus dem Buch „Solo im Kanu“ dienen als Anregung. Ist alles „ein alter Hut“ - umso besser. Dazu kommt ein Extra für das effektive Paddeln zu Zweit.

 

Basic  - Paddelhaltung

Fast allen Paddelschlägen (außer dem Bogenschlag und einigen Spezialtechniken) gemein ist der in der Kraftphase des Schlages senkrecht stehende Paddelschaft. Von allen Seiten aus gesehen sollte der Paddelschaft lotrecht aus dem Wasser hervorragen, die beiden Hände liegen möglichst genau übereinander. Außerdem solltest du darauf achten, das Paddelblatt ganz einzutauchen. Tust du das nicht, verlierst du viel an Effektivität, im schlimmsten Falle schaufelst du dir, vor allem bei Ziehschlägen, viel Wasser ins eigene Boot.

 

1. Vorwärtsschlag

Der Vorwärtsschlag, auch Grund- oder Treibschlag genannt, ist der wichtigste Paddelschlag im Solo-Canadier. Er bringt das Boot in Fahrt und hält es auf Geschwindigkeit. Bei langen Touren muss er den ganzen Tag durchgehalten werden. Nur mit einem möglichst optimalen Vorwärtsschlag schaffst du es, in gemischten Paddelgruppen mitzuhalten und nicht dauernd schnittigen Kajaks hinterherhecheln zu müssen. Im Wildwasser ist oftmals eine schnelle Beschleunigung auf möglichst kurzem Weg Garant für ein sicheres Befahren von Stromschnellen. Sauber ausgeführt „verankert“ man das Paddelblatt im Wasser, hält es an dieser Position, als ob es in Beton gegossen sei, und zieht mit einer Kombination aus Armbewegung und Körperdrehung das Boot und sich selbst an die Position des verankerten Paddelblattes.
Einen optimalen, sauberen Vorwärtsschlag erkennt man am gänzlich fehlenden Spritzen und Platschen beim Eintauchen, minimaler Verwirbelung des Wassers in der Kraftphase und am möglichst leisen und ungehinderten Herausführen des Paddelblattes aus dem Wasser.
Je weniger es spritzt, gurgelt, schwallt und platscht, desto effektiver ist die ganze Aktion. Selbst der Paddelprofi ist stets auf der Suche nach dem optimalen catch, beschäftigt sich damit sein Leben lang und nähert sich dem Optimum nur allmählich. Weitere Punkte, die man beim Grundschlag beachten und immer wieder korrigieren sollte, sind: komplettes Eintauchen des Paddelblattes (dabei sollte sich die Knaufhand in etwa auf Augenhöhe befinden, die Schafthand auf Süllrandhöhe – dies setzt eine passende Paddellänge voraus). Schon erwähnt wurde die senkrechte Paddelführung mit geraden Armen und Drehung des Oberkörpers während der power phase. Auf dem Weg zum Optimum sind auch diejenigen, deren „Paddelweg“ möglichst nah und möglichst parallel zur Längsachse des Bootes ausgerichtet ist. Die Kraftphase ist beendet, sobald die Schafthand die Position der Knie erreicht hat. Mit dem Ausheben des Paddels beginnt die Rückholphase und die erneute Suche nach dem effektivsten Paddelschlag.
 

   

Ein Paddelschlag gliedert sich in vier Phasen:

Erstens die Oberkörperdrehung, der „wind-up“. Die Schulter der Schafthand geht mit in Richtung des Einsetzpunktes. Dann kommt die Eintauchphase, die Verankerung des Paddelblattes im Wasser („catch“ im Fachjargon). Daran schließt sich die Kraftphase („power phase“) an, die mit dem Ausheben des Paddels endet und letztlich kommt die Rückholbewegung („recovery“), die das Paddel wieder zum Startpunkt zurückführt und den nächsten wind-up und catch möglich macht. Je runder, harmonischer und rhythmischer du diese vier Phasen aneinander reihst, desto kraftsparender, effektiver und schöner wird dein Ergebnis.

 

2. Bogenschlag

Wenn du deine ersten Paddelschläge machst, wirst du gleich feststellen, dass es leichter ist, das Boot zu drehen, als es geradeaus zu halten. Besonders gilt das für den Canadier, da man ja nur auf einer Seite paddelt. Der Bogenschlag unterstützt diese Drehung. Er hat seinen Namen von der gedachten Bewegung des Paddels im Wasser in Bezug auf das Boot und den Paddler: einen großen Halbkreis. Der Bogenschlag vorwärts beginnt an der Bootsspitze und führt das Paddelblatt im großen Bogen vom Boot weg und nach hinten zum Heck. Dieser Bogenschlag vorwärts dreht die Bootsspitze von der Paddelseite weg. Das Gegenteil dazu ist der Bogenschlag rückwärts. Hier führt man das Paddelblatt von hinten im großen Bogen nach vorne: Das dreht die Bootsspitze zur Paddelseite hin. Bedenke: Der Bogenschlag vorwärts beinhaltet auch eine Beschleunigung des Bootes in Fahrtrichtung, der Bogenschlag rückwärts bremst. Und achte auf deine Rumpfdrehung dabei.

   

3. Steuerschläge

Das Schwierigste am Canadier ist, ein Boot geradeaus zu halten. Durch jeden Grundschlag dreht sich die Bootsspitze von der Paddelseite weg. Um dies zu kompensieren, muss an beinahe jeden Vorwärtsschlag eine Steuerkomponente angehängt werden. Steuerschläge gibt es viele, die wichtigsten sind der Heckhebel und der J-Schlag - sie unterscheiden sich im Einsatz der aktiven und passiven Paddelfläche. Die aktive Paddelfläche ist die Fläche, die beim Vorwärtsschlag nach hinten zeigt.
Beim Heckhebel drehst du am Ende des Vorwärtsschlages, also wenn die Schafthand etwa die Höhe deiner Knie erreicht hat, die aktive Paddelfläche zum Boot hin und „hebelst“ das Boot mit der passiven Paddelfläche zurück in die Spur.
Der elegantere und effektivere Steuerschlag ist jedoch der J-Schlag. Hier drehst du am Schlagende die aktive Paddelseite nach außen und vom Boot weg. Der (gedachte!) Weg des Paddels beschreibt ein J. Es ist eine runde, harmonische und flüssige Bewegung aus einem Guss. Am einfachsten lässt sich das am „Indikator-Daumen“ beobachten. Streck den Daumen der Knaufhand aus. Wenn dein Daumen am Ende des Steuerschlages nach oben zeigt, paddelst du mit dem Heckhebel. Zeigt dein Daumen nach vorne unten, ist das der J-Schlag. Meistgesehener Fehler, vor allem beim Heckhebel, ist, dass mit einer Bewegung nicht nur nach außen korrigiert wird, sondern nach vorne außen, also mit einer Art Bogenschlag rückwärts. Das bremst das Boot nach jedem Treibschlag wieder ab. Es ist, als ob man drei Schritte vor und zwei zurück macht. Auch hier kommt man vorwärts, aber von Effektivität ist nicht viel zu sehen. Halte dein Paddelblatt am Ende des Schlages senkrecht im Wasser, so dass es wie ein richtiges Steuer am Boot kaum Wasserwiderstand bildet. Dann drückst du das Paddelblatt vom Boot weg. Voilá.


Quelle Grafiken: Conrad Stein Verlag / Annalena Kunter

 


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KANU-SPORT 07/2018
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