16. Juni 2021

Im Seekajak rund um Baltrum

Baltrum (Foto: Christian Zicke, outdoordirekt)

Brandung Wind und Welle sind für viele Kajak-Einsteiger beeindruckende Naturgewalten. Wenn dann noch die dunkle Nordsee mit ihren Tidenströmungen ins Spiel kommt, dann klingt das für viele erst einmal nach Zukunftsmusik. Wir haben das Experiment gewagt, und eine ganze Bande Bordsee-Aspiranten mit auf die wilde See geschleppt.

Von Christian Zicke, Outdoordirekt

 

Vorbereitung

OK, ganz ohne Vorbereitung sind wir natürlich nicht los gezogen. Alle Teilnehmer haben vorher schon einen Seekajak-Einsteiger-Kurs belegt und waren somit mit den Grundtechniken vertraut und beherrschten auch den Wiedereinstieg auf offener See, die grundlegende Voraussetzung, um auf Großgewässern seinen Spieltrip auszuleben. Um auf Nummer Sicher zu gehen, haben wir uns einen der besten Kenner Ostfriesischer Gewässer ins Boot geholt - Christian Dinegenotto, seines Zeichens Referent für den Küstenwandersport des LKV Niedersachsen und Ausbilder bei der Salzwasser-Union.

   


Ablegen

Um möglichst flexibel auf die Gruppe und auf das Wetter eingehen zu können, haben wir den Treffpunkt erst wenige Tage vor dem Start verabredet. Da der Wetterbericht etwas unsicher schien und auch immer wieder lokale Gewitter ins Spiel kamen, haben wir uns für den sicheren Hafen in Nessmersiel entschieden. Hier haben wir uns am Freitag Nachmittag getroffen, um noch am gleichen Abend nach Baltrum abzulegen. Von Nessmersiel ist die Überfahrt zur Insel recht kurz und sicher, vor allem auch, weil wenig Schiffsverkehr herrscht. Für unsere Seekajak-Neulinge trotzdem eine spannende Erfahrung. Die Reizüberflutung durch das beladene Kajak, eine steife Brise und leichten Wellengang war auf jeden Fall gewaltig. Dazu die offene Wasserfläche, da kann einem schon mal mulmig werden auf den ersten Metern. Natürlich haben wir Baltrum sicher erreicht. Bei der Einfahrt in den Yachthafen war die Erleichterung allen anzusehen, die Freude über die erste große Tour mit Gepäck im Kajak war riesig.

   


Volles Programm

Ein EPP 2 mit dem Schwerpunkt Seekajak - den gibt es eigentlich gar nicht. Dementsprechend mussten unsere Teilnehmer auch schon einige seekajakspezifische Voraussetzungen erfüllen. Denn normalerweise differenziert der DKV erst ab EPP 3 in Seekajak und Wildwasser. Doch wer schon genau weiß, dass es ihn aufs Großgewässer zieht, der kann sich ja gerne von Anfang an spezialisieren, so unser Gedanke. Trotzdem müssen natürlich alle Inhalte „abgefragt“ werden. Deshalb steht vor allem am zweiten Tag unserer dreitägigen Ausbildung ein intensives, vertiefendes Techniktraining im Focus. Kanten und lehnen, Paddelstütze und Bogenschlag stehen auf dem Programm - erst einmal im sicheren Hafen, dann draußen in der Strömung. Durch das einlaufende Wasser haben wir im Gatt ausgeprägte Kehrwasser. Außerdem lockt die Brandungszone auf Baltrums Nordseite.
Hier legen wir nicht nur den einen oder anderen gepflegten Surf hin, hier wird auch ordentlich gekentert. Wir praktizieren den Wiedereinstieg unter Real-Bedingungen. Das fordert unsere Teilnehmer immens, denn vor allem mental ist das Kentern und Wiedereinsteigen einen guten Kilometer vor der Insel eine große Herausforderung. Nach den ersten fünf Stunden intensivem Trainings haben wir uns eine Kuchen-Pause in Baltrum-City verdient. Am langen Nordstrand landen wir an, natürlich nicht, ohne theoretische und praktische Übungen zum Thema anlanden abzuhalten - auch ohne große Wellen gar nicht so einfach.
Nach dem Futtern ist der Tag noch nicht zu Ende. Schlepp-Techniken müssen noch trainiert werden, bevor sich der Tag am späten Nachmittag dem Ende neigt. Heute werden alle gut schlafen - sollten sie auch, denn morgen steht die Umrundung Baltrums auf dem Programm. Und dazu müssen wir früh in See stechen, denn wie Christian gerne mit einem frivolen Grinsen auf dem Gesicht erwähnt, die Nordsee wartet nicht auf uns, in Tidengewässern gibt es für Langschläfer kein „zu spät kommen“, es gibt nur „zurückgelassen werden“.

   


Rund um Baltrum

Wir starten wieder im Yachthafen und beginnen Wattseitig mit unserer Umrundung. Wir haben ordentlich Gegenwind, außerdem macht uns eine nickelige Welle von der Seite zu schaffen. Da wir gestern gelernt haben, dass Schleppen eine Technik ist, die man auch gerne mal vor dem Ernstfall, zur Prävention, verwenden kann, hängen wir Marion an den Haken. Es ist wirklich anstrengend gegen den penetranten Wind anzufahren. Erst im Osten, als wir es auch noch im einlaufendem Wasser und einer damit verbundenen Brandung zu tun bekommen, haken wir wieder ab. Jetzt kämpfen wir uns gemeinsam, trotzdem irgendwie jeder für sich, in Richtung Norden vor. Welle und Wind erfordern einen soliden Vorwärtsschlag. Als wir auf die Nordseite abbiegen, wird es nicht besser. Denn jetzt paddeln wir parallel zur Brandung, die eine oder andere brechende Welle hat umwerfende Wirkung. Per Wiedereinstieg geht es zurück ins Kajak und weiter in Richtung Strand. Wir haben bereits einige Kilometer in den Armen und gönnen uns eine Pause. Christian packt den Notschelter aus, um zu demonstrieren, was dieser allseits bekannte „Windchill-Faktor“ wirklich ist. Bei steifem Wind und knapp 20 Grad ist es im nassen Neo am Strand kaum auszuhalten. Im Windschatten des Shelter hingegen, der kaum mehr als eine dünne Plane ist, ist es muckelig warm – vor allem, wenn man sich zu fünft aneinander kuschelt.
Das Wasser läuft immer mehr auf und die Brandung nimmt ab. Immer mehr Sandflächen sind überspült. Wir steigen wieder ein und üben noch einmal das Ablanden bei moderater Brandung. Dann schaukeln wir weiter. Für unser Team sind die kleinen, kurzen und brechenden Wellen von der Seite eine Herausforderung. Doch gefährlich ist es nicht. Wir können die flache Paddelstütze perfektionieren und den Sidesurf (auch ungewollt) praktizieren. Dann wird es noch einmal dicker. Die letzte Brandungszone mit weißer Gischt liegt vor uns. Nur sie trennt uns vom verdienten Kuchen. Fast alle kommen unbeschadet durch, nur Thomas erwischt es kurz vor dem Ziel. Schnell steigt er mit Christians Hilfe wieder ins Kajak und kann im Kurzschlepp mit vollem Seekajak das sichere Ufer erreichen.
Da es immer noch ordentlich windet, ziehen wir uns um. Wir brechen zur ausgedehnten Mittagspause in den Ort auf. Wir müssen Zeit verplempern, damit wir ausreichend Wasser auf der Wattseite haben, um im Hafen von Nessmersiel nicht im übel riechenden Schlickwatt zu stecken.

   


Robben

Nach dem Kuchen geht es gestärkt in die Kajaks. Wir paddeln am Yachthafen vorbei, die Insel-Umrundung ist somit im Sack. Doch wir wollen ja noch weiter. Schließlich warten unsere Autos in Nessmersiel.
Wir passieren entlang des Fahrwassers die Robbenbänken am Ostende von Norderney. Wir müssen vorsichtig sein und viel Abstand halten, denn es gibt eine Menge Jungtiere, die wir nicht von den Sandbänken ins Wasser jagen dürfen. Trotzdem stürzen sich einige Tiere freiwillig in die Fluten und verfolgen uns - neugierig wie sie sind.
Auch den Punkt „Robben gucken“ auf unserer Nordsee-Checkliste haben wir abgehakt. Jetzt sind es nur noch ein paar Kilometer bis in den Hafen. Durch das ausgeprickte Fahrwasser geht es in den Yachthafen, in dem die letzte Hürde wartet: Aussteigen am Steg und die schweren Kajaks über eben diesen zum Parkplatz heben. Doch im Team meistern wir natürlich auch diese Kleinigkeit. Geschafft aber happy beenden wir diesen intensiven und anstrengenden Tripp. Und das Beste: Alle haben sich hervorragend geschlagen und halten am Ende einen sehr wohl verdienten EPP 2 in den Händen.

   

 


 


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