03. Dezember 2020

Korsika - Ile de la beauté

Die Osterferien sind für viele Paddler die wichtigste Zeit im Paddeljahr. Ein Wildwasserurlaub ist fest gesetzt. Doch da Ostern oft früh und das Wetter vielerorts noch unbeständig ist, stellt sich schnell die Frage nach der besten Paddeldestination.  Für uns ist diese Frage leicht beantwortet: Auf nach Korsika! Schon im Frühjahr verwöhnt die französische Insel, die so gar nicht zu Frankreich gehören will, mit reichlich Sonnenschein.

Von Christian Zicke, Outdoordirekt, Werne

Das mediterrane Klima Korsikas sorgt schon früh im Jahr, vor allem an den Küsten, für frühsommerliche Temperaturen. Doch in den höher gelegenen Bergregionen kann es auch Ostern noch empfindlich kalt werden, vor allem in der Nacht. Dafür sorgen die bis zu 2800 Meter hohen Berge der Insel aber auch für eine unglaubliche Vielzahl an mehr oder weniger steilen Flüssen.
 

Mythos Stürzerinsel


Mit einem Mythos wollen wir bereits zu Beginn des Artikels aufräumen: Lange war Korsika als Insel für ausgesuchte „Stürzer“ verschrien und wurde nur denjenigen Paddlern empfohlen, die ein wenig verrückt und ihrem Leben überdrüssig erschienen. Nach knapp zwanzig Jahren und unzähligen Wochen auf Korsika können wir euch beruhigen. Besonders im Zentrum der Insel warten viele Strecken im dritten Schwierigkeitsgrad auf. Man muss also keineswegs lebensmüde sein um das Frühjahr auf Korsika genießen zu dürfen! Um einen Überblick über die Klassiker der Insel zu verschaffen, wurde dieser Artikel nach den verschiedenen Paddel-Regionen Korsikas gegliedert und befasst sich mit den wichtigsten Klassikern, ohne jeglichen Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben.
 

 


Das Zentrum der Insel

 

Lange Zeit war der erste Anlaufplatz für alle Paddler, die in Bastia, der heutigen Inselhauptstadt, mit der Fähre angekommen sind, der gemütliche Campingplatz „Campita“ in der kleinen Ortschaft Francardo. Er liegt am größten Fluss der Insel, am Golo. Was im Sommer sicherlich super ist, wird dem Campingplatz im Frühjahr zum Verhängnis - er ist super schattig. Nach einer frostigen Nacht dauert es lange, bis sich die Wärme auf dem Camp ausgebreitet hat. Wenn jedoch der Golo und seine Nebenflüsse ausreichend Wasser für mehrere Tage Paddeln führen, ist der Aufenthalt in Francardo trotzdem lohnend.


Allein der Golo bietet mindestens drei fahrbare Abschnitte. Die Barchetta-Schlucht, der Unterlauf des Golo, ist die leichteste Etappe, die sich bei normalem Pegel ideal zum einpaddeln eignet. Immer wieder fließt der Fluss hier durch enge Klammen, die aber kaum schwere Stellen aufzuweisen haben. Nur bei Hochwasser wird die Klammstrecke spannend, dann warten riesige Wellen und auch die eine oder andere nickelige Walze.


Die Standart-Strecke ab dem Kraftwerk von Ponte Castirla führt am Campingplatz vorbei. Sie bietet herrliches Wildwasser bis in den dritten Grad, wobei die schwersten Stellen direkt am Anfang lauern. Wer nach der ersten Hälfte bereits genug hat, der kann am Campingplatz aussetzen. Alternativ geht es weiter bis nach Ponte Lecchia. Durch den Kraftwerksablass führt diese Strecke häufig genug Wasser, nur Sonntags ist es oft dünn mit dem kühlen Nass.


Einen ganz anderen Charakter hat der oberste Golo zu bieten. Schon beim herauf fahren mit dem Auto ahnt man sich in einer anderen Welt. Die Straße schlängelt sich durch eine atemberaubende Schlucht, entlang der abgeleiteten „Scala die Santa Regina“. Nach gut einer Stunde kann man oberhalb des Stausees das erste frei fließende Wildwasser entdecken. Hier befindet sich einer von drei möglicher Ausstiegen. Sollte einen der erste Blick in den Bach schrecken, dann ist der oberste Golo vielleicht nicht das Richtige. Denn auf diesem Abschnitt geben sich Stufen und Klammen die Klinke in die Hand. Einige Stellen überschreiten den vierten Schwierigkeitsgrad, wobei alles gut angesehen und auch umtragen werden kann.


Wer nicht den Sprung vom mittleren auf den obersten Golo wagen möchte, der kann sich im Asco-Tal an das klassische korsiche Wildwasser herantasten. Der Untere Asco ab dem „Fuchsloch“, einem unfahrbaren Schlitzwasserfall, bietet Wildwasser im dritten Grad, ordentlich verblockt mit einigen kniffeligen Stellen. Auf dem oberen Asco wird es dann ernst. Deutlich mehr Gefälle sorgt für spritziges Wildwasser im dritten und vierten Grad, lediglich die „Drosselgasse“ ist schwerer, kann aber leicht links umtragen werden.


Auch für nicht paddelnde Begleiter ist das Asco-Tal einen Besuch wert. Ab dem oberen Einstieg führt ein kleiner Weg den Asco entlang. Die Landschaft ist einfach nur herrlich, dazu der plätschernde Bach und die duftende Macchia! Der Asco ist ebenfalls noch gut von Francardo aus zu erreichen.
 

 

Zwischen Corte und Aléria


Vom Golo fahren geht es über die sehenswerte Ortschaft Corte weiter in Richtung Ostküste. Anlaufpunkt für fast alle Paddler ist heute der Campingplatz „Ernella“, direkt am Tavignano gelegen, zwischen Corte im Landesinneren und Aléria an der Ostküste. Er bietet sich schon deshalb an, weil von hier aus viele unterschiedliche Flüsse und Flussabschnitte schnell erreichbar sind. Nur wenn das Wetter wolkenverhangen, kalt und grau ist, lohnt ein Camp an der Küste. Oftmals haben wir schon in der aufgehenden Sonne am Meer gefrühstückt, während der Campingplatz noch bis zum Mittag in den Wolken lag.


Allein der Tavignano, der direkt am Camp Ernella vorbei fließt, bietet auf einer Strecke von rund fünfzig Kilometern Wildwasser im zweiten und dritten Grad. Bei gutem Wasserstand kann er komplett von Corte bis ins Meer gepaddelt werden. Im Oberlauf bis zum Campingplatz kann man sich auf WW II und III austoben, an seinen Skills arbeiten, surfen, Walzen reiten oder einfach nur die Landschaft genießen. Lediglich die berühmte Tavignano-Schlucht kann bei höheren Wasserständen den dritten Grad überschreiten. Sie beginnt direkt am Campingplatz und bietet sich als hervorragender Abend-Run für all diejenigen an, die sich noch fit genug fühlen.


Nachdem man bei tief stehender Sonne durch die Tavignano-Schlucht gepaddelt ist, fehlt nur noch ein gutes Abendessen - vielleicht ein typisch korsisches beim Campingplatz-Besitzer Milou uns seiner Tochter? Tipp: unbedingt probieren! Merke: Ein echter korsischer Käse ist erst eine Delikatesse, wenn er wieder zum Leben erwacht ist!


Wahrscheinlich genauso bekannt wie der Tavignano selbst ist der Vecchio, der als rechter Nebenfluss oberhalb des Camps in den Tavignano mündet. Für die unerschrockenen Stürzer hält er den obersten Abschnitt bereit. Dieser wird allerdings nur äußerst selten gepaddelt. Häufiger frequentiert ist der mittlere Vecchio. Doch auch der hat seine Tücken. Viele schwere Stellen, Unterspülungen und Siphone lauern auf unvorsichtige Paddler. Er teilt seinen Mythos mit der Loferschlucht oder der Socaschlucht. Deutlich entspannter geht es auf dem unteren Vecchio zu. Er ist ein typisch korsicher Flussabschnitt mit vielen Kieseln und Murmeln. Bei wenig Wasser ist er recht technisch, richtig Freude macht er bei viel Wasser. Dann verwandeln sich die steinigen Passagen in lebendiges Wildwasser. Trotzdem wird er eigentlich nie schwerer als Wildwasser drei.

 

 

Ostküste


Auch die Flüsse die an der Ostküste in das Mittelmeer münden, sind noch gut vom Camping Ernella aus zu erreichen. Ist man aber mit einer kleinen, flexiblen Gruppe unterwegs, so empfiehlt sich ein Camp am Meer. Kurz vor der Ortschaft Solenzara gibt es den kleinen, unkomplizierten Campingplatz „Sol d´ Oro“, der in der Regel schon früh im Jahr geöffnet hat. Von diesem Platz aus reduzieren sich die Fahrstrecken zu den Flüssen der Ostküste auf einige Minuten. Mit viel Glück kann man zum Beispiel die Solenzara paddeln. Sie entwässert das Bavella-Massiv und fließt wenige Kilometer südlich des Campingplatzes ins Meer. Sie läuft allerdings nur nach sehr starken Regenfällen. Häufiger kann man auf den Travo setzen. Die obere, sehr alpine Schluchtstrecke mit ihren drei malerischen Stufen, dem „Felsendom“ des Travo, ist der Korsika-Klassiker schlechthin. Allerdings ist diese Etappe nur etwas für sattelfeste Paddler.


Der Unterlauf hingegen bietet wunderschönes, korsisches Wildwasser im dritten Grad. Der untere Travo verträgt im Gegensatz zum Oberen richtig viel Wasser und ist eine gute Ausweichmöglichkeit wenn die schweren Oberläufe zu viel Wasser führen.


Ein weiterer Klassiker der Ostküste ist der Fium Orbo. Bei normalem Pegel bietet er spannendes Wildwasser, hauptsächlich im vierten Grad. Kennt man die Linien durch die berühmte „Defilé de Strette“, gibt es kaum einen schöneren Abschnitt auf der ganzen Insel. Und weil der Spaß nach zwei Kilometern zu Ende ist, kann man direkt einen Second rund dran hängen. Die Befahrungsdauer variiert zwischen zwanzig Minuten und vier Stunden.

 

 

 

Go West

Hat man die Flüsse der Ostküste abgefrühstückt, geht es über den Bavella-Pass in Richtung Westküste. Für diesen Weg sollte man sich Zeit nehmen. Denn die Landschaft ist wirklich atemberaubend. Außerdem kommt man am Codi vorbei. Der unscheinbare kleine Fluss ist eine der steilsten Rinnen der Insel. Völlig ausgesetzt stürzt er über unzählige Stufen und Rutschen zu Tale. Er ist wirklich geil, allerdings nur denjenigen vorbehalten, die sich im steilen Wildwasser wohl fühlen. Doch auch wenn ihr ihn vielleicht nicht paddeln wollt: Schätzt die Durchflussmenge in Kubik und teilt sie den Jungs und Mädels am Camping Ernella mit, mit denen ihr hoffentlich die Handynummern ausgetauscht habt. Denn für viele ist ein sicherer Pegel am Codi gewiss ein frühes Aufstehen und die Fahrt über den Bavella-Pass wert!


Kurz nachdem man einen Blick in den Codi geworfen hat, gelangt man zum neuen Stausee des Rizzanese. Mit der Entstehung dieses Damms ist einer der schönsten Abschnitte der Insel verloren gegangen. Der mittlere Rizzanese hat für viele Lagerfeuergeschichten gesorgt, vor allem sein berühmter Zehn-Meter-Wasserfall. Jetzt läuft der Rizzanese nur noch nach richtig starken Regenfällen, wenn der Damm ausreichend Überlauf hat.


Schnell verlassen wir diesen Ort der Trauer und fahren weiter in Richtung Propriano. Wir lassen den Ort links liegen und folgen der Straße Richtung Olmeto, wo wir schließlich in Richtung Küste abbiegen. Kurz nach dem Abzweig folgt der schönste Campingplatz an der Westküste. „Chez Antoine“ öffnet allerdings erst im April seine Pforten. Dann lohnt ein Besuch aber auf jeden Fall. Denn der Platz liegt direkt am Strand und die schönsten Sonnenuntergänge der Insel sind einem garantiert.

Etwas nördlich des Campingplatzes mündet einer der wasserreichsten Flüsse der Insel, der Taravo. Auf drei Etappen bietet er spannendes Wildwasser zwischen dem dritten und fünften Grad, wobei die wirklich schweren Stellen überschaubar sind. Ist man sich seiner Sache nicht ganz sicher, sollte man mit der untersten Etappe beginnen. Sie bietet überwiegen Wildwasser III, nur die ersten zweihundert Meter sind bei viel Wasser schwieriger. Danach geht es entspannt daher, bis der Taravo noch einmal Gas gibt und in der ca. Hundert Meter langen Kernstelle verschwindet, die allerdings meistens Flussrechts umtragen wird weil am Ende ein großer Siphon lauert.
Nicht schwerer aber deutlich länger ist die mittlere Etappe. Auf ca. 14 Kilometern bietet der Taravo unzählige Katarakte im dritten Schwierigkeitsgrad. Sogar eine kleine Mutprobe in Form eines witzigen Schlitzwasserfalls ist dabei.


Die oberste Etappe ist die schwerste des Taravo. Viele Stellen erreichen den vierten Grad, lediglich eine Stelle ist schwerer und wird in der Regel links umtragen. Vor allen Stellen kann man gut anlanden und alles kann ohne Probleme umtragen werden.

 

 

Nordosten


Führen Codi und Taravo richtig viel Wasser, lohnt es sich eine Weiterfahrt Richtung Nordwesten ins Auge zu fassen. Neben dem Cruzzini und der Liamone warten noch weitere, lohnenswerte Flüsse an der Westküste. Allerdings nimmt die Wahrscheinlichkeit, einen fahrbaren Pegel zu erhaschen, mit jedem Kilometer ab. Denn der Nordwesten der Insel ist karg und trocken. Sollte es allerdings über mehrere Tage aus Kübeln gießen, so könnte einer der schönsten Bäche der Insel laufen. Der Fango begeistert durch sein glasklares Wasser und die kunterbunten Kiesel.


Doch auch wenn die Wahrscheinlichkeit auf fahrbare Flüsse nördlich des Taravo nicht besonders hoch ist, so lohnt ein Roadtrip entlang der Westküste zurück nach Bastia allemal. Die bizarre Landschaft der Chalanche mit ihren roten Felstürmen und das schroffe, immer stürmische Cap Corse dürfen auf keiner Korsika-Reise fehlen.


Ob man als Stürzer oder normaler Wildwasserpaddler auf die Insel kommt, eines ist gewiss: Die wenigsten Besucher haben es bei einem Korsika-Urlaub belassen. Viele zieht es immer wieder auf die Insel im Mittelmeer. Das mediterrane Klima, der unvergleichliche Geruch der korsischen Macchia und die grandiosen Flüsse machen süchtig.
 

 

 

 

 

 

 


 


Über Outdoordirekt

Seit 2003 gibt es die Kanuschule Outdoordirekt. Anfangs noch aktiv als Kanu- und Outdoorschule, haben sich Nadja und Christian Zicke seit 2011 dem Kanusport verschrieben. Seitem ist das professionelle Kursprogramm immer weiter ausgebaut worden. Das kleine Team ausgewählter Kanulehrer, das Christian und Nadja bei den Kursen und Reisen unterstützt, besteht aus professionellen Sportlern und Expeditionisten.

Nadja und Christian können zusammen nicht nur auf unzählige Stunden Erfahrung im Wildwasser- und Seekajak zurückgreifen, sie sind seit 1998 auch regelmäßig mit Kanuschülern unterwegs. Von Anfang an zählten für beide der Spaß und die Freude am Vermitteln des Kajaksports ebenso wie die professionellen Lehrinhalte und das didaktisch immer weiter optimierte Schulungskonzept. Durch die viele Erfahrung fällt es den beiden leicht, Kanuschüler-orientiert ihr Wissen zu vermitteln oder bereits vorhandene Fehler auf Anhieb zu erkennen und diese durch gezieltes Üben auszumerzen.

Das kleine Team ausgewählter Kanulehrer, das Christian und Nadja bei den Kursen und Reisen unterstützt, besteht aus professionellen Sportlern und Expeditionisten. Doch das allein macht keinen guten Lehrer aus. Deshalb durchlaufen unsere Kanulehrer eine intensive Ausbildung bei uns im Betrieb. Außerdem muss jeder Kanulehrer sein didaktisches Geschick in einer oder mehreren Hospitationen unter Beweis stellen, bevor er bei uns schult.

Weil das Lernen in lockerer Atmosphäre und in kleinen Gruppen das Allerwichtigste ist, wird das Verhältnis von Kanulehrer zu Schüler dem jeweiligen Kursgebiet angepasst, es ist aber nie höher als 1:6. So setzt Outdoordirekt hohe Standards in den Bereichen "Sicherheit" und "Lern-Intensität".


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