Portrait - Conrad Scheibner

Interview mit Conrad Scheibner vor der Abreise nach Japan

„Olympia in greifbarer Nähe“

Canadierfahrer Conrad Scheibner ist auf der Zielgeraden seines großen Traums – die Teilnahme an den Olympischen Spielen

ein Portrait von Finn Eidam

Foto: Thomas Lohnes

Sehr bescheiden schaut Conrad Scheibner auf seine Erfolge in der Vergangenheit zurück. „Den für mich größten sportlichen Erfolg kann ich gar nicht so einfach benennen, da alle meine Erfolge ihren Anteil daran haben, wo ich jetzt stehe“. Der Berliner Canadierfahrer erlangte in den vergangenen Jahren nicht nur einen Weltmeister-, Vizeweltmeister-, und Vizeeuropameistertitel, sondern wurde zudem viermal U23-Weltmeister.

In diesem Jahr soll nun ein weiterer, noch größerer Triumph hinzukommen: die olympische Goldmedaille. Ein Ticket für die Teilnahme an den Olympischen Spielen hat sich der 25-Jährige bereits beim Weltcup in Szeged gesichert, weshalb er sich nun voll und ganz auf die Erfüllung seines Lebenstraums konzentrieren kann. Das bedeutet jedoch auch, sowohl sein Privatleben als auch sein Studium mehr denn je dem Leistungssport unterzuordnen.

Bereits in jungen Jahren war der Kanusport ein wichtiges Thema

Foto: privat

Schon im Alter von 4 Jahren hat Conrad seine ältere Schwester zu Kanu-Wettkämpfen begleitet. Der Funke – selbst ins Boot zu steigen – ist jedoch erst im Jahr 2004 auf den damals noch 8-Jährigen übergesprungen, als er bei den Deutschen Meisterschaften die Medaillengewinner der Olympischen Spiele aus Athen live erlebte. Nach dem Wechsel auf die Sportschule in Berlin folgte 2014 das Abitur mit der Note 1,0 und Conrads erste Qualifikation für die Nationalmannschaft. „Auf meine Abiturnote bin ich schon etwas stolz, da es nicht immer einfach war, Schule und Sport nebeneinander zu vereinen“. Im Anschluss an das Abitur begann der Berliner ein Medizinstudium an der Charité, welches sich jedoch aufgrund der vielen Präsenzveranstaltungen zeitlich nicht mit seiner Profikarriere im Kanurennsport vereinbaren ließ. „Danach habe ich mir ein Fernstudium in Wirtschaftspsychologie gesucht. Ich will keine halben Sachen machen und ein Fernstudium ist aufgrund der vielen Trainingsstunden und Reisen eine viel bessere Lösung für mich“. Neben diesem sportlichen Aspekt hat sich Conrad auch aus persönlichen Gründen für einen Wechsel des Studiengangs entschieden. So berichtet er im Interview über großes Interesse für das Verständnis von Menschen und ihren Entscheidungen, wobei er zukünftig Personen und Unternehmen beim Erreichen ihrer Ziele unterstützen möchte.

Seit 2014 ist Conrad außerdem Soldat in der Sportfördergruppe der Bundeswehr, welche ihm die Möglichkeit bietet, in einem sozial abgesicherten Umfeld seinen sportlichen Zielen nachzugehen. Durch die Freistellung für Trainings- und Wettkampfzwecke werden dem Sportsoldaten beste Voraussetzungen für eine erfolgreiche Leistungssportkarriere geboten, welche der Berliner optimal für sich genutzt hat. Aktuell gilt er im Kanurennsport als einer der Medaillenkandidaten für die Olympischen Spiele in Tokyo.

Auch in der Freizeit spielt Bewegung eine große Rolle

Foto: privat

„Neben dem Sport mache ich noch mehr Sport“ scherzt der 25-Jährige im Interview. Schnell wird klar, dass die Bewegung für Conrad auch in seiner Freizeit eine wesentliche Rolle spielt, wobei er am liebsten neue Wassersportarten ausprobiert. Neben dem klassischen Wellensurfen wollte er im letzten Herbst das Kitesurfen erlernen, was allerdings aufgrund der COVID-19-Pandemie erst einmal verschoben wurde. Ebenso große Freude empfindet der Berliner für das Reisen und Kennenlernen neuer Orte und Kulturen. Diesbezüglich bestehen für die Zeit nach seiner sportlichen Karriere bereits große Pläne.

In einer Weltreise möchte Conrad alle sieben Kontinente der Welt bereisen und dabei auf typisch touristische Verkehrsmittel verzichten, um möglichst authentische Erfahrungen abseits der Touristenwege zu erleben. Zur Dauer der Weltreise hat er jedoch noch keine konkreten Vorstellungen: „Die Weltreise soll und darf mich so lange verschlagen, wie es sich für richtig anfühlt“. Um sich auf diese große Reise vorzubereiten, wird schon fleißig an den Fremdsprachenkenntnissen gefeilt. „Ich übe täglich 15 bis 30 Minuten Spanisch und bin schon in der Lage, mich mit Zuhilfenahme von Händen und Füßen gut durchschlagen zu können“. Als Nächstes stehen Russisch und Arabisch auf dem Lehrplan, obwohl bei Conrads sportlichen Aussichten eher Japanisch hilfreich wäre.

Dankbarkeit als oberstes Gebot

Im Interview mit der ARD (Bild: Oliver Strubel)

Da Profisportler wie Conrad aufgrund von Trainingslagern und Wettkämpfen viel im nationalen und internationalen Raum unterwegs sind, steht die Zeit mit der Familie oftmals hinten an. „Ich verpasse häufig Familienevents, wie Geburtstage oder Hochzeiten, und bin daher sehr dankbar, dass meine Familie soviel Rücksicht auf mich nimmt und Veranstaltungen nach meinem Saisonkalender plant“. Die Familie stellt für Conrad neben seiner sportlichen Auslastung einen wichtigen Ruhepol dar, bei der er Entspannung findet und abschalten kann.

Mittlerweile hat Conrad auch für sich einen Weg gefunden, den Sport mit der Familie zu vereinen. Dies war aber nicht immer so: „Über die Jahre musste ich erst lernen, eine gute Balance zwischen sportlicher Auslastung und Familienzeit zu finden“. Nachwuchstalenten rät er daher, sich neben dem zeitintensiven Sport auch bewusste Auszeiten für die Familie und Freunde zu nehmen.

Die Liste an Personen, der Conrad seine Dankbarkeit ausspricht, ist lang. Doch eine Person sticht besonders hervor: sein Heimtrainer und der aktuelle Bundestrainer der Kajak-Damen Lars Kober. Durch die lange Zusammenarbeit, die mittlerweile bereits 7 Jahre andauert, ist Conrad diesem sehr verbunden. „Unter Lars habe ich eine riesige Entwicklung hingelegt. Er hat mich immer unterstützt und gefördert, wo er nur konnte“.

Vom Idol zum Trainer

Foto: privat

Als Conrad mit dem Paddeln begann, wurde Andreas Dittmer in Athen Olympiasieger. „Bevor Sebastian Brendel die Szene dominierte, war Andreas Dittmer definitiv ein großes Idol für mich“. Gern erinnert sich Conrad an den Moment zurück, als Dittmer 2009 seinen Heimatverein den SC Berlin Grünau besuchte und den jungen Nachwuchstalenten Frage und Antwort stand sowie Autogrammkarten verteilte.

Ein besonderes Highlight war das gemeinsame Training, bei dem Conrad mit seinem Vorbild eine Runde im C2 drehte. „Das war ein cooler Moment und umso witziger ist die Story heute, da Andreas seit dieser Saison mein Bundestrainer ist“. Der Berliner trainiert gerne mit dem neuen Bundestrainer zusammen, da er das Canadier-Team sehr gut im Griff hat und die Stimmung im Team sehr gelassen ist. Inhaltlich steht auch bei Dittmer klassisches 1000m-Training auf dem Plan. „Klasse an Andreas finde ich, dass er auf individuelle Trainingswünsche offen reagiert und diese versucht mit einzubauen“. Wie sich die Zusammenarbeit mit dem neuen Bundestrainer letztendlich auswirkt werden wir bei den Olympischen Spielen in Tokyo sehen. Der erste Schritt ist allerdings bereits getan. Vom 14. bis 16.05.2021 konnte sich Conrad beim Weltcup in Szeged auf der 1000m Distanz für die Olympischen Spiele qualifizieren.

Bild: Finn Eidam

Allgemeine Fragen zum Kanu-Rennsport

 

Name: Conrad-Robin Scheibner

 

Geboren am: 07.05.1996

 

Geboren in: Berlin

 

Beruf: Sportsoldat, Student

 

Verein: SC Berlin-Grünau

 

Heimtrainer: Lars Lober

 

Bundestrainer: Andreas Dittmer

 

Größter Erfolg: Weltmeister C4 100m 2017, 4x U23 Weltmeister

Bild: Finn Eidam

Allgemeine Fragen zum Kanurennsport

 

Seit wann paddelst du schon?

Seit 2004

 

Wie bist du zum Kanusport gekommen?

Meine Schwester hat auch Kanu gemacht und habe sie schon als kleiner Junge auf die Wettkämpfe begleitet und angefeuert. Nach den Olympischen Spielen 2004 habe ich selbst mit Kanusport angefangen.

 

In welchem Verein und auf welchem Gewässer hast du das Paddeln erlernt?

Ich habe beim SC Berlin-Grünau auf der Dahme paddeln gelernt. Da man dort als Junge damals jedoch direkt zum Canadierfahrer geschult wurde, habe ich mich erstmal nur von Steg zu Steg gehangelt.

 

Wer hat dich in deiner sportlichen Karriere am meisten geprägt? Warum?

Neben meinen sportlichen mVorbildern Andreas Dittmer und Sebastian Brendel war das vor allem mein Heimtrainer Lars Kober, unter dem ich in den letzten Jahren eine enorme Entwicklung genommen habe und einen großen Teil meiner Erfolge zu verdanken habe.

 

Mit wem wolltest du schon immer mal K2/C2 fahren?

Als ich jünger war, bin ich schon einmal mit Andreas Dittmer in den C2 gestiegen. Das war damals ein Riesen-Erlebnis für mich. Heute würde ich gerne mal mit meinen internationalen Konkurrenten ins Mannschaftsboot steigen. Aber auch einen C2 mit Sebastian Brendel fände ich interessant, auszuprobieren.

 

Fragen zum Wettkampf

 

Auf welcher Regattastrecke bestreitest du am liebsten ein Rennen? Warum?

Auf der Regattabahn in Duisburg. Zum einen habe ich dort viele meiner besten Rennen gezeigt und wichtige persönliche Erfolge feiern können. Zum anderen ist es schön, bei großen (internationalen) Regatten vor Heimpublikum fahren zu können.

 

Was darf in deiner Wettkampfvorbereitung nicht fehlen? Warum?

Musik, um in die richtige Stimmung zu kommen. Und Vorfreude aufs Rennen.

 

Welcher Rennabschnitt (Start, Mittelstück, Endspurt) gefällt dir am liebsten? Warum?

Der Endspurt. Auch wenn es da am meisten weh tut, ist er für das Rennen meistens entscheidend und es kommt oft zu spannenden Duellen. Irgendwie ist es cool, sich im Rennen da nochmal richtig die Kante zu geben.

 

Welche Disziplin fährst du am liebsten? (z.B. K2 500m)

C1 1000m und C4 500m

 

Wie bereitest du dich auf ein Rennen vor? Hast du Rituale? Wenn ja, welche?

Musik und Visualisierungen

Bild: Finn Eidam

Fragen zu Olympia

 

Welche Besonderheiten gab es in der Olympiavorbereitung für dich persönlich (abgesehen von Corona)? (z.B. besondere Ernährung, anderes Training)

Der Wechsel vom Bundestrainer zu Andreas Dittmer zur Olympiasaison

 

Dein Ziel in Tokio?

Mein Bestes Rennen zeigen und alles genießen, was ich dort erlebe

 

Wer wird dein/euer stärkster Konkurrent im Kampf um die Medaillen sein?

Mit zwei Startplätzen pro Nation wird es ein großes, hochklassigen Feld werden. Besonders stechen da aber Martin Fuksa (CZE), Isaquias Queiroz dos Santos (BRA), Jose Cordova (CUB) heraus.

 

Wie würdest du einen Olympiasieg feiern?

Soweit habe ich noch gar nicht gedacht. Eine große Feier mit allen, die mich auf dem Weg begleitet und unterstütz haben, würde ich aber auf alle Fälle starten.

 

Auf was freust du dich in Japan am meisten?

Ich weiß noch nicht genau, was uns in Japan erwartet. Deshalb möchte ich bei meinen ersten Spielen alles genießen, was auf mich zukommt. Aber ich freue mich auf jeden Fall auf meine Rennen.

 

Was erwartest du von den Olympischen Spielen in Tokio?

Ich gehe eigentlich ohne Erwartungen an die Spiele ran. Ich will sie genießen, Spaß haben und mein Bestes geben. Auf alles andere habe ich selbst ja auch keinen Einfluss.

 

Fragen zum Training

 

War die Verschiebung der Olympischen Spiele für dich eher ein Vor- oder Nachteil? Erkläre bitte kurz warum.

Ich habe es als Vorteil gesehen, als relativ junger Athlet ein weiteres Jahr nutzen zu können, um mich weiter zu verbessern.

 

Was ist deine Lieblingstrainingseinheit in der Wettkampfvorbereitung?

250m GA2/GA3

 

Zu welcher Tageszeit trainierst du am liebsten und warum?

Vormittags oder spät abends

 

Was darf im Training für dich persönlich nicht fehlen?

Spaß und Freude an dem, was ich tue

Ein Ziel, auf das ich hinarbeiten kann, aber gleichzeitig, den Prozess/Weg zu genießen

Unsere geile Trainingsgruppe + Trainer

Bild: Finn Eidam

Persönliche Fragen

 

Was ist deine größte persönliche Veränderung seit 2016?

Dieses Jahr ist das erste Jahr, in dem ich mich der internationalen C1-Konkurrenz in der Leistungsklasse stelle

 

Was ist dein emotionalster sportlicher Moment?

Die Erfüllung meines Lebenstraums mit der Qualifikation für Olympia in Tokio

 

Was ist deine bitterste sportliche Erfahrung?

3 Jahre hintereinander 4. Platz zur WM

 

Welche Pläne hast du für die Zeit nach den Olympischen Spielen?

Ich werde sicherlich erstmal alles verarbeiten müssen, was rund um die Olympischen Spiele passiert (ist). Nach der Saison steht aber auf jeden Fall Urlaub und trainingsfreie Zeit auf dem Plan.

 

Wen würdest du nach einem Olympiasieg als Erstes anrufen?

Meine Familie, die zuhause vor dem Fernseher mitfiebert

 

Wie verarbeitest du eine Niederlage?

Ich versuche, für das nächste Mal aus meinen Fehlern zu lernen und die Niederlage nicht zu sehr an mich heranzulassen.

 

Fragen zum Material

 

Bootsmarke/Bootstyp: Plastex Fighter 1000m Rio L

 

Paddelmarke/Paddeltyp: Braca Uni Extrawide

 


Conrad Scheibner


 

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Persönliche Daten

Geburtsdatum 07.05.1996
Geburtsort Berlin
Wohnort Berlin
Bootsklasse Canadier
Kanusport seit 2004
Beruf Sportsoldat, Student
Verein SC Berlin-Grünau
Coach Lars Kober
  

Im Internet

 

Im Kurzportrait

  

Sportliche Erfolge

WM: 1x Gold / 1x Silber / -
EM: - / 1x Silber / -
U23 WM: 4x Gold / - / -
 

Auflistung der Erfolge

2019 WM: 2. C4 500m; 5. C2 500m
2019 U23 WM: 1. C1 1000m; 1. C2 1000m
2018 WM: 4. C4 500m
2018 EM: 6. C4 500m
2018 U23 WM: 1. C1 1000m; 1. C2 500m
2017 WM: 1. C4 1000m ; 9. C2 500m
2017 EM: 2. C4 1000m, 8. C2 500m
2016 U23 WM: 4. C2 1000m; 5. C4 500m
2015 U23 WM: 4. C4 500m, 9. C2 U23 1000m
2014 JWM 4. C2 1000m