15. Dezember 2022

Steine sammeln per Canadier

Günter Wallraff (Fotos: Privat)

Die Serie „Kanuten und Kanutinnen im Porträt“ widmet sich den Menschen im Freizeit- und Leistungssport. Den Autorinnen und Fotografen, den Herstellerinnen und Veranstaltern sowie dem besonders gewöhnlichen Paddlerinnen und Paddlern. In diesem Beitrag stellen wir Günter Wallraff vor. Als deutscher Enthüllungsjournalist und Schriftsteller ist er bekannt geworden. Doch dass der Autor privat viel mit dem Kanu unterwegs ist, um seltene Steine zu sammeln oder seine „Aussteigersehnsucht“ zu befriedigen, ist weniger geläufig.

DKV-Hinweis zum Tragen von Schwimmwesten

WICHTIG: Der Deutsche Kanu-Verband weist aufgrund des Bildmaterials eindringlich alle Paddler :innen auf die Notwendigkeit von Schwimmwesten hin

Weitere Infos: www.kanu.de

Wann er mit der Paddelei angefangen habe, kann der Kölner nicht genau sagen, wohl aber genau warum. Die körperlichen Belastungen, denen Wallraff in seiner Rolle als türkischer Gastarbeiter „Ali“ auf Baustellen und bei deutschen Industriebetrieben wie Thyssen ausgesetzt war, führten unter anderem zu mehrmaligen Bandscheibenvorfällen.
Der exzessive Sportler, dessen persönliche Bestzeit zuvor bei 2:50 Stunden für den Marathon lag, konnte danach froh sein, überhaupt eine halbe Stunde am Stück zu laufen. Nach den notwendig gewordenen Operationen bestand auch das Risiko, einen längeren Zeitraum auf Krücken oder einen Rollstuhl angewiesen zu sein. Und obwohl noch gar nicht sicher war, dass er sich von seinen Bandscheibenproblemen nicht wieder regenerieren könnte, bereitete er sich bereits in einer akribischen „was-wäre-wenn“-Mentalität auf sein mögliches Leben als Mensch mit Behinderung vor. „Kanufahren war für mich schon immer eine Kindheitsfantasie“, sinniert Wallraff. Er verbindet das Paddeln mit seinen Kindheitsträumen von dem freien und naturverbundenen Leben der Indianer und der Inuit.

Günter Wallraff im Kajak - zurückhaltend formuliert "unkonventionell". (Foto: Privat)

Seine Vorbereitungen für seine neue sportliche Herausforderung waren – zurückhaltend formuliert – ‘unkonventionell‘. „Ich wollte die Armmuskulatur bereits stärken, bevor ich mich das erste Mal in ein Boot setze“, begründet der Journalist sein Trainingsprogramm. Dies beschränkte sich im Wesentlichen allerdings darauf, regelmäßig ein frei schwingendes Seil ohne Zuhilfenahme der Beine hochzuklettern.

Steine sammeln per Boot

Auf für die Frage, warum er Maximalkrafttraining für eine Ausdauersportart anwendet, hat er eine überraschende Erklärung parat: „Ganz einfach, ich transportiere mit meinem Kanu häufig auch Steine. Da braucht man schon wirklich viel Kraft, um das Kanu bei Gegenwind und Wellen manövrieren zu können“, sagt Wallraff, der im Oktober seinen 75. Geburtstag zum Anlass nahm, in die Türkei zu fahren, um dort politische Gefangene zu unterstützen. Bei aller Skepsis gegenüber den unkonventionellen Paddelvorbereitungen kommt man nicht umhin, der Art und Weise, wie Günter Wallraff das Hobby ausübt, ein gewisses Maß an Interesse entgegen zu bringen.

Auf die Idee zu kommen, sein Kanu so mit Steinen zu beladen, dass es bis zum Süllrand ins Wasser einsinkt, liegt dem gemeinen Paddler eher fern.

Dass der Canadier das Transportmittel der Indianer war, ist natürlich bekannt. Aber auf die Idee zu kommen, sein Kanu so mit Steinen zu beladen, dass es bis zum Süllrand ins Wasser einsinkt, liegt dem gemeinen Paddler eher fern. Für Günter Wallraff aber nichts Ungewöhnliches: „Steine sammeln ist eine Obsession von mir. Ich bin immer auf der Suche nach einzigartigen Exemplaren, es sind vollendete Kunstwerke. Mit dem Kanu erreiche ich Strände, die sonst unerreichbar sind.“

Von Günter Wallraff gefertigte Stele in seinem Garten. Die Steine sammelte er mit dem Kajak in der Nähe von Cinque.(Foto: Privat)

In der Tat sammeln sich in seinem Kölner Haus und Garten viele wirklich außergewöhnliche Steine. „Ich habe Steine gefunden, von denen man glauben könnte, große Künstler wie Hans Arp oder Tony Cragg hätten sich durch sie inspirieren lassen.“ An diese Naturkunstwerke heran zu kommen ist nicht leicht, da viele nur an schwer zugänglichen Küstenabschnitten zu finden sind. Günter Wallraff macht sich auf die Suche. Wenn er fündig wird schleppt er die Steine zu seinem Kanu. Er ist wahrscheinlich einer der ganz Wenigen, die bei einem Kanu tatsächlich auf die maximale Zuladung in Kilogramm und nicht auf das Volumen achtet. Verkaufen möchte er seine gesammelten Unikate nicht. Lieber stiftet er sie für eine Ausstellung, aber die „Kommerzialisierung“ lehnt Wallraff rundweg ab. „Es ist nicht so, dass ich die Steine finde – sie finden mich“, versucht der Schriftsteller seine Passion zu beschreiben. „Hier muss ich mich nicht rechtfertigen, nichts unter Beweis stellen, die Steine sprechen für sich.“

"Ich habe vor vielen Jahren einmal an einem Baggersee die Eskimorolle geübt. Das war eine totale Katastrophe. Dabei habe ich meine Brille verloren.“

Seine Leidenschaft für Steine hat der Enthüllungsjournalist Ende der 1970er Jahre auf Lanzarote und Fuerteventura entdeckt. Das waren seine „Rettungsinseln“, wenn in Deutschland der Aufruhr um seine Person zu groß wurde. Dort tankte er Kraft und Energie für neue Projekte, er befriedigte seine „Aussteigersehnsucht“. Hier hat er auch mehrere Kajaks liegen und startet immer wieder zu neuen Exkursionen. „Ich fahre am liebsten dann raus, wenn die See richtig unruhig ist“, meint Günter Wallraff – „dann allerdings ohne Steinladung“. Wenn ihm dann die See äußerste Konzentration und an Kontrolle abverlangt, spürt er eine Befreiung und findet innere Ruhe. Ein spezielles Seetraining oder gar einen Einsteigerkurs für das Kanufahren an sich hat er nie absolviert. „Ich habe vor vielen Jahren einmal mit Arno Gatz an einem Baggersee die Eskimorolle geübt. Das war eine totale Katastrophe. Dabei habe ich meine Brille verloren.“

   

 

Günter Wallraff zusammen mit Arno Ganz vor Lanzarote. (Foto: Privat)

Gatz Senior ist auch einer der ganz wenigen, die Günter Wallraff gelegentlich auf Paddelausflügen begleitet haben. Er versuchte, ihm ein Verständnis vom Lebensgefühl des Paddelns zu vermitteln, so auch vom Kanuwandern. „Ich war an einem Wochenende gemeinsam mit Siggi, Arno und Olaf Gatz auf der Agger paddeln“, erzählt Günter Wallraff. Mittags wurde auf einer Wiese gepicknickt. „Wir haben völlig die Zeit, das Wasser und die Boote vergessen.“ Und dann lernte der Kölner die wahre Bedeutung von ‚Kanu-Wandern‘ kennen. Nämlich, als die vier ihren Booten hinterherlaufen mussten.

   

Entspannung auf waghalsigen Paddelausflügen

Ansonsten bevorzugt er die Ruhe und Meditation auf dem Wasser. Nach einer zermürbenden Scheidungsprozedur Ende der 1980er Jahre und wiederholten medialen Angriffen auf seine Person und Arbeit, zog er sich zurück, suchte Abgeschiedenheit in einem Indianerreservat am Amazonas. Er probierte das Paddeln im Einbaum und war gleichzeitig fasziniert von der Art und Weise wie die Menschen hier im Einklang mit der Natur leben. „Die Indianer wollen sich die Natur nicht untertan machen, sondern erleben sich als ein Teil von ihr.“ Doch obwohl er davon träumte ein Teil dieser Einheit zu werden, trieb es ihn wieder zurück nach Deutschland und zu seinen Projekten. Es ist ein beständiger Wechsel zwischen exzessivem Arbeiten und Auszeiten von seinem eigenen Getriebensein. „Ich wurde einmal von einer Schule Delfinen begleitet. Ich bin immer weiter in Richtung Afrika rausgefahren, die Delfine waren wie Sirenen aus der Mythologie, denen ich folgen musste. Ich konnte komplett abschalten und spürte ein unvergleichliches Glücksgefühl und eine innere Ruhe.“

‘Stoned‘ – vorübergehende letzte Ruhestätte vis-a-vis der Insel Skye in Schottland. (Foto: Privat)

Dass so weite Ausflüge trotz aller meditativer Entspannung eine schlechte Kombination mit seinem geringen Kenntnisstand von Theorie und Technik sind, hat Wallraff, der nie eine Schwimmweste trägt oder einen Kompass dabeihat, bereits am eigenen Leib erfahren. „Einmal bin ich von Lanzarote aus zur Nachbarinsel Fuerteventura übergesetzt, konnte aber mittendrin bei heftig aufkommendem Seegang mit hohen Cross-Wellen und Abdrift irgendwann die Küste nicht mehr sehen. Erst nach stundenlangem Kreuzen erreichte ich das rettende Ufer bei Corralejo.  
Es wirkt, als ob der Journalist mit solchen Abenteuern seine Grenzen austestet, um es sich selbst beweisen zu können. Vielleicht ist der Ehrgeiz, etwas Besonderes zu erreichen, der Motor, der den Schriftsteller ununterbrochen antreibt. Für Paddler sind viele seiner Aktionen nicht verständlich. Insbesondere, wenn es darum geht, dass er sich auf dem Rhein vom Siebengebirge bis nach Düsseldorf treiben lassen wollte. Das Ganze ging gut bis auf Höhe Leverkusen, als er bei einbrechender Dunkelheit ohne Beleuchtung zwischen zwei Containerschiffe geriet. „Eines davon trug den Namen Galaxis II“, erinnert sich Wallraff an die beängstigende Drohkulisse. Die Situation hatte Folgen. Der Kölner hatte eine Zeit lang tatsächlich Angst vorm Paddeln auf dem Rhein. „Ich hatte einfach Angst zu kentern.“ Da besagtes Rollentraining bei ihm zu keinem Erfolg führte, entschloss sich Wallraff nach diesem Erlebnis dazu, den Rhein schwimmender Weise zu überqueren: Von Erpel nach Remagen und von dort wieder zurück auf die andere Seite nach Unkel. Bei der Gelegenheit konnte er direkt feststellen, dass man während der Querung über einen Kilometer weit abgetrieben wird

   


"Also ich hätte das nicht gemacht."

„Die Delfine waren wie Sirenen aus der Mythologie, denen ich folgen musste.“

Mit solchen Schilderungen erntet Günter Wallraff keinen Applaus. Das weiß er – und es ist ihm egal. Wenn er etwas Ungewöhnliches erreicht, das seinen eigenen Ansprüchen genügt, reicht ihm das allemal. Selbst wenn er von der Schiffspolizei ein Knöllchen bekommt, weil er während des Jahrhunderthochwassers mit dem Kanu den Rhein befahren hat, bereitet ihm das eher Spaß: „Der Rhein war auf die dreifache Breite angestiegen, Baumstämme trieben im Wasser und der Schiffsverkehr war eingestellt. „Also habe ich die Gelegenheit genutzt – ich hatte den Rhein ganz für mich allein -  und wollte trotz Eiseskälte mit meinem Kajak vom Siebengebirge aus nach Köln herunterschießen. Bis ich dann von einem Polizeiboot geentert wurde. Der Rhein sei nicht schiffbar. Das Bußgeld betrug 40 DM. Immerhin wurde mein Kajak in den Rang eines Schiffes erhoben. Rückblickend würde ich sagen, die Polizei, dein Freund und Helfer, vielleicht hat sie mir damals das Leben gerettet“, gibt der 75-Jährige heute zu. Und auch Olaf Gatz, der schon den Grand Canyon befahren hatte, meinte damals nur: „Also ich hätte das nicht gemacht.“
 

 

 

DKV-Hinweis zum Tragen von Schwimmwesten

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 Wichtiger Hinweis der Redaktion

In den Porträts stellen wir unabhängig von einem aktuellen Bezug interessante und abwechslungsreiche Charaktere vor. Sämtliche Daten, Fakten und geographische, gesellschaftliche und politische Bezüge waren zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aktuell, werden allerdings nicht mehr aktualisiert. 

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