19. März 2021

The tear of Europe

Fünf Tage absolute Wildnis in atemberaubender Landschaft, einmaliges Teamwork & Selbstversorgung im tiefsten Canyon Europas. Mit dabei knapp 20 Kilo Gepäck pro Fahrer und ein internationales Team, bestehend aus SUPpern, die alle die gleiche Leidenschaft teilen: Neue Limits im Wildwasser zu setzen ohne dabei zu viel zu riskieren. Herausforderungen meistern um eigene Willensstärke und Fähigkeiten zu entwickeln, die letztlich der gesamten Gruppe zugute kommen. Ein verborgener Schatz Montenegros, ein Ort an den jeder Reisende einmal will. Ein Tempel der Natur, den nur Flusspaddler erforschen können. Das ist die Erstbefahrung des Tara-Canyons mit dem SUP im Wildwasser der Klasse III-IV.

 

 

 

Von Manuel Stecher (Text)
Fotos: Gilles Reboisson

 

Prolog


Das eigentliche Abenteuer startete bereits während der Anreise mit dem Auto: 16 Stunden Fahrzeit, Schlaglöcher wie Sand am Meer und die letzten 20 km auf unbefestigter Fahrbahn vorbei an Minenwarnschildern. Das alles natürlich in absoluter Finsternis nachts um 2 Uhr bei strömenden Regen. Das Gebiet um den Tara-Canyon in Montenegro gehört dabei zu den regenreichsten Gebieten Europas, weshalb der Fluss auch den Beinamen „Tear of Europe“ trägt. Umso überraschender, dass wir während der gesamten Expedition dann doch noch bestes Wetter hatten! Als Ausgangspunkt diente das Grab Camp unmittelbar hinter der bosnischen Grenze in Montenegro. Hier trafen wir letzte Vorbereitungen, sprachen mit Raftingguides, informierten uns über mögliche gefährliche Abschnitte, packten unsere Taschen mit dem benötigten Equipment und stärkten uns nochmals, bevor wir unser Abenteuer antraten.

   

Jakuba – Kolasin 3 Std. 16km Wildwasser I-II

Nach einer mehr als 3,5-stündigen Shuttlefahrt zur Quelle der Tara mit mehr als einem riskanten Überholmanöver bekamen wir einen ersten Eindruck von Montenegro. Schafherden, die frei auf der Straße liefen, und dazu die scheinbar endlosen Wälder und Berge ließen uns nun endlich wissen, dass dies ein ganz besonderer Trip wird.
Mittags war es dann soweit, kurz hinter dem Örtchen Jakuba führte der Fluss dann nun endlich ausreichend Wasser, um unsere Expedition zu starten! Noch ein letztes mal auf die „Toilette“, und dann sollte es los gehen. Beinahe holte ich mir den ersten Schlangenbiss! In Angriffsposition schnappte sie bereits zweimal nach mir! Mit runtergelassener Hose, bewaffnet mit einem Tempotaschentuch stand ich nun da... Gerade noch rechtzeitig konnte ich einen Schritt zurück machen, bevor mir die Schlange zu nahe kommen konnte. Von nun an sollten wir jeden Tag Bekanntschaft mit Sandviper & Co machen. Vielleicht aber auch gerade rechtzeitig, um ausreichend aufmerksam für die nächste Tage zu sein und uns der Gefahren und Risiken unseres Vorhabens bewusst zu werden.
Der erste Tag bot uns mäßiges Wildwasser langsam ansteigend von Kategorie I-III. Gerade richtig, um etwas Fahrgefühl für die SUPs mit den schweren Gepäck­taschen auf dem Bug zu machen. In den Taschen waren Schlafsack, Isomatte und weiteres Campingequipment sowie Essen und Wechselklamotten verstaut. Jede einzelne wog zwischen 15 und 20 Kilogramm und wurde mit Straps vorne auf den iSUPs befestigt. Das Fahrgefühl war ziemlich gewöhnungsbedürftig. Das Brett lag dadurch natürlich gut im Wasser, ließ sich jedoch deutlich schwieriger manövrieren.
Es war wunderschön, wie natürlich sich der Fluss seinen Weg durch die malerische Landschaft bahnte. Vorbei an kleinen Dörfchen, durch weite Täler mit unglaublicher Bergsicht und weiter durch tiefe Wälder. Umso größer war die Enttäuschung, als wir das Ausmaß an Verschmutzung zu sehen bekamen, welche durch Unmengen von Plastikmüll verschiedenster Art zustande kam! Vom letzten Hochwasser hingen Autoreifen und kleinste Plastiktüten, Planen und sonstige Müllreste zwischen den Bäumen und Sträuchern des Flusses! Der Müll begleitete uns während der gesamten Reise und ließ erst im eigentlichen Canyon nach. Es war traurig zu sehen, dass selbst im entlegensten Winkel Europas an einem Ort, der nahezu unberührt vom Menschen schien, Plastikverschmutzung ein solch großes Thema ist.
Am Ende des ersten Tages fanden wir einen tollen Platz, um unser erstes Camp aufzustellen. Auf einem kleinen Stück Wiese zwischen Sträuchern spannten wir unsere Planen und bereiteten unser Lager auf. Vor dem Flackern unseres Feuers ließen wir den Tag Revue geschehen und gönnten uns einen Kräuterschnaps, welchen unsere französischen Teamkollegen für uns mitgebracht hatten. Bereits der erste Tag war gekrönt von Erfolg! Zunächst nur ein bunt zusammen gewürfelter Haufen aus verschiedenen Ländern mit ganz eigenen Lebensgeschichten und bereits nach wenigen Stunden gute Freunde die bei toller Atmosphäre am Lagerfeuer zusammen saßen. Das Abenteuer hatte begonnen.

   



Kolasin – Kaludra 7 Std. 31km Wildwasser II-III

Der nächste Tag startete wolkenverhangen und wir hatten bereits früh morgens ein paar wenige Regentropfen. Die ersten und einzigen auf dieser Reise. Bereits nach unserem Frühstück lichteten sich die Wolken und die Sonne war unser stetiger Begleiter. Das Müsli gab uns die nötige Energie, um unser Lager abzubauen und die ersten Kilometer auf dem Fluss zu paddeln. Die Tara wurde dabei immer attraktiver. Ein perfekter Wechsel aus ruhigen Abschnitten und Stromschnellen, die sportlich immer herausfordernder wurden. So hatten wir unsere ersten Stufen WW III mit leichtem Wuchtwasser. Dass die neue Trendsportart SUP hier noch komplett unbekannt ist, bekamen wir an den Reaktionen der Leute zu spüren, die wir auf dem Weg trafen. Ständig wurden Fotos von uns gemacht. Es stoppten Autos auf den Brücken vor Kaludra und die Menschen warfen uns überraschte Blicke zu. Selbst bosnische Raftingguides inspizierten die Bretter mit großer Begeisterung.
Faszinierend war auf jeden Fall das große weite Tal vor Kaludra. Mächtige Berge im Hintergrund rahmten die Szenerie in eine gigantische Kulisse. Das wahre Highlight des Tages war allerdings die Location unseres zweiten Camps, das wir zu Sonnenuntergang direkt am Eingang zum berüchtigten „Devils Canyon“ aufschlugen.
Auf einer Sandbank landeten wir mit den Brettern an. Die Kulisse wie gemalt: Ein weiterer Zufluss speiste die Tara und vor uns erhoben sich senkrechte Felswände aus dem Wasser. Wir spürten das erste Mal die Magie, die von dem vor uns liegenden Canyon ausging.
Dass auch Reptilien diesen Ort zu schätzen wissen, erfuhren wir abends, als sich Nicolas in seinen Schlafsack auf die Isomatte legte und plötzlich einen lauten Schrei von sich gab. Eine Hornviper hatte es sich dort bereits bequem gemacht! Man weiß bis heute nicht, wer von beiden mehr erschrocken war. Wir wussten nur, dass ein Biss dieser Schlange in dieser abgelegenen Gegend ohne sofortige Behandlung ernsthafte Folgen haben könnte. Von Fieberkrämpfen über stärkste Schmerzen bis hin zur Bewusstlosigkeit... die Liste war lang, blieb uns jedoch erspart. In dieser Nacht schliefen nur unsere französischen Freunde unter der Plane auf dem Boden, wir drei deutschen Paddler teilten uns ein winziges Zwei-Mann-Zelt zu dritt. Anfangs hatten wir Valentin noch belächelt, da er als Einziger ein Notfallzelt dabei hatte, doch heute Nacht bot es uns das höchstmögliche Maß an Schutz. Trotz des enormen Platzmangels im Inneren waren wir überglücklich, eine schützende kleine Wand zwischen uns und den Schlangen zu wissen.

   

Kaludra – Splavist 6 Std. 37km Wildwasser II-IV

Bereits am Vortag war uns klar, dass wir den berüchtigten „Devils-Canyon“ nicht bepaddeln würden. Darüber gab es nachts am Lagerfeuer noch lange Diskussionen mit Pro und Contra.
Um die Gefahren besser einschätzen zu können gingen Mario und Nicolas ein Stück weiter das Ufer ab. Hier waren die ersten Stromschnellen zum Eingang des 5-6 km langen „Devils-Canyon“ zu besichtigen. Bereits im ersten Abschnitt gab es ein paar verblockte Stellen und drei riskante Syphons, welche für Paddler im Ernstfall eine tödliche Gefahr darstellen könnten. Das Risiko erschien uns schlichtweg zu groß; die Gefahr, zu ertrinken, war definitiv gegeben. Also entschieden wir uns dafür, den Abschnitt des Devils Canyons auszulassen. Rückblickend wäre es uns wohl irgendwie möglich gewesen, den Canyon zu meistern. Eine Erstbefahrung mit dem SUP ist somit nicht ausgeschlossen. Aber wir alle waren froh, dieses Mal Verantwortung für uns und das gesamte Team übernommen zu haben, und die Sicherheit an erste Stelle gessetzt zu haben. Wir sahen dies nicht als Niederlage, sondern als Sieg der Vernunft über den Hunger unserer Abenteuerlust.
So begann unser 3.Tag natürlich anders als zuvor geplant und wir waren gezwungen, die letzten 2 Kilometer flussaufwärts zu paddeln bis zur letzten Brücke, auf der wir einen Shuttletransfer um den Devils Canyon organisiert hatten. Eines war jedoch klar: Den Canyon zu bepaddeln wäre sicherlich um Welten einfacher gewesen, als den Fluss mit seiner starken Strömung fernab von jeglicher Zivilisation stromaufwärts zu paddeln.
Diese zwei Kilometer kosteten uns bereits soviel Energie, wie wir sonst in eine halbe Tagestour steckten!
Wir tasteten uns von Kehrwasser zu Kehrwasser und mussten immer wieder absteigen, um die Bretter durchs knietiefe Wasser zu schieben. Die 20 Kilo Gepäck auf dem Brett waren dazu unser Exra-Work-Out das wir absolvierten. Nach zermürbenden 1 ½ Std. hatten wir es jedoch geschafft und die sonst so lächerlichen zwei Kilometer gemeistert.
Miro, ein hilfsbereiter Local und Paddellegende auf der Tara, stand bereits mit seinem Transit auf dem Schotterweg und wartete gespannt auf die ersten SUPer der Tara. Miro wusste genau, wo der Devils Canyon endete und shuttelte uns etwa 6 km um den Canyon herum bis zum nächstmöglichen Einstieg in die Tara-Schlucht. Kaum angekommen, haben wir bei einem Parkranger die üblichen Befahrungsgebühren für den Nationalpark entrichtet, und unsere Erstbefahrung konnte weiter gehen.
Die tägliche Routine war schnell wieder hergestellt und so langsam hatten wir wieder den perfekten Flow, der uns mittlerweile von Stromschnelle zu Stromschnelle und über das Wuchtwasser vorantrieb.
Gegen Ende des dritten Tages wartete die erste IVer- Stufe auf uns. Eine tosende Stufe mit einem gigantischen Loch am Ende, welches einen riesigen Pilz produzierte. Mario, Nicolas und Stephan nahmen die Herausforderung an, doch nur Stephan, unser Kameramann, schaffte es tatsächlich. Valentin und ich ließen die Stufe lieber aus, da unklar war, wie viele dieser Stufen noch folgen würden und es uns wichtiger war, sicher am Ziel anzukommen.
Es war ein unglaublich gutes Gefühl, als Gruppe den Fluss zu befahren. Jeder trug mit seinem Humor und seiner Art zum Erfolg der Expedition bei und bereicherte diese. Wenn wir Nicolas, den Erfahrensten von uns ­SUPern, vor einer Stufe beispielsweise mal wieder fragten ob es nicht ein wenig kritisch sein könnte sagte dieser immer nur trocken mit einem Lächeln: „...ah... it´s ok!“ Aber mittlerweile vertrauten wir aufeinander und wussten das es dann schon machbar war.
Wir fühlten uns unglaublich frei! Egal wie anstrengend jeder Tag auch war, der Canyon gab uns doppelt soviel Energie zurück und wir fühlten uns jeden Abend wie zu Hause, wenn wir unsere Planen spannten und das Nachtlager vorbereiteten. Dabei stellte sich schon langsam die Frage: „Warum machen wir das nicht einfach viel öfter?!“

 

Splavist – Camp Crab 8 Std. 33km Wildwasser II-III+

Der nächste Tag startete routiniert mit tollen Stromschnellen der Klasse II-III im stetigen Wechsel mit ruhigeren Flussabschnitten. Das eigentliche Highlight des heutigen Tages waren jedoch die Karstquellen und Wasserfälle. Man könnte meinen, wir paddelten irgendwo in einem tropischen Land: glasklares Wasser in türkisblauen Tönen dazu meterhohe Wasserfälle dessen weiße Vorhänge im blauen Fluss enden. Spätestens hier wurde uns klar, warum die Tara auch „Blue River“ genannt wird. Den Beinamen „Tear of Montenegro“ trägt sie übrigens, da die Gegend um den Tara-Canyon zu einem der regenreichsten Gebiete in Europa gehört.
Im Laufe des Tages nahm das Wildwasser dann nochmals erheblich an Intensität zu und wir kamen an eine lange Klasse III+ Stufe mit hohem Wuchtwasserwellen dazwischen und einer Gesamtlänge von bis zu 500 - 700 Metern.
Zum Glück waren wir schon so gut eingefahren, dass wir alle diesen Abschnitt gut meisterten. Im tiefen Surfstand ging es durch die Stromschnelle. Der Puls dabei gefühlt bei 200 Schlägen pro Minute und die Beine brannten durch die permanente Anspannung wie Feuer. Am Ende gingen wir alle erschöpft auf die Knie und unsere Beine zitterten vor Anstrengung. So etwas gibt es in Deutschland definitiv nicht. Der „Stoke“ war unglaublich! Wir hatten alle ein großes Grinsen im Gesicht. Der ganze Trip, selbst diese letzte Wildwasserstufe, war die größte Challenge im Wildwasserbereich, die ich bisher hattes Doch die größte Überraschung des Tages war, das wir so gut vorankamen, dass wir unser Ziel, das Grab Camp, sogar einen Tag früher als geplant erreichten. Es war unglaublich! Die Erstbefahrung der Tara-Schlucht mit dem SUP war geschafft! Ein Stück Pionierarbeit und vier Tage voller wertvoller Erfahrungen, unglaublichen Erlebnissen und einzigartigem Teamwork bei dem sich jeder auf den anderen verlassen konnte. Natürlich erwartete uns die ganze Mannschaft des Grab Camps bereits und war gespannt auf das, was wir zu berichten hatten. Der erfolgreiche Abschluss unserer Expedition wurde natürlich noch am selben Abend gebührend gefeiert.

   

Camp Grab – Scepan Polje; Grenze in Bosnien Herzegovina 4Std. 17Km Wildwasser II-III

Am letzten Tag entschieden wir uns noch spontan dazu, die letzten Flusskilometer der Tara bis zur bosnischen Grenze zu paddeln. Ein letztes Mal genossen wir die Aussicht vom blauen Fluss über die steilen Felswände hoch zu den Bergen. Der Flusscharakter war auch hier fast unverändert: Einzelne Wildwasserstufen der Klasse III wechseln sich regelmäßig mit ruhigen Abschnitten ab und machen das paddeln zu einem unglaublich witzigem letzten Ausflug.
Der ganze Druck, die Anspannung der vorangegangenen Tage war verflogen. Wir hatten es geschafft und als erste den Fluss mit dem SUP bezwungen. Übermutig aber routinert kämpften wir uns nun die letzten Stufen hinunter und hatten ein letztes mal das Gefühl der Expedition. Jetzt schien es jedoch an der Zeit zu sein los zu lassen und unsere Expedition hier am Ende des Flusses zu beenden.  

 

 

Team und Sponsoren

Team: Manuel & Mario Stecher 34 (GER), Valentin Illichmann 18 (GER), Nicolas Fayol 34 (FRA), Pion Stephane (FRA), Gilles Reboisson (FRA).

Informationen  & Links: www.stechertwins.com

Sponsoren der Expedition: Ortlieb/Outdoor Equipment; Picture/Organic clothing; JP-Australia; Starboard; Fanatic; NRS; Innosnack/”Power auf Dauer”; Film- und Photoproduktion/”We are hungry”; Grab Camp/Ethno village and Camp

 

 


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