20. Oktober 2022

Wildwasserklassiker im Tennengau und Salzkammergut

Kurzer Klammgenuss am oberen Mitterweißenbach (Foto: Matthias Breuel)

Mit unzähligen Seen, Klammen und Wildbächen gehört das Salzkammergut im Norden des Dachsteinmassivs zu den eindrucksvollsten Naturlandschaften der Nordalpen. Zusammen mit dem reichen kulturellen Erbe der Gegend bildet die landschaftliche Schönheit das Fundament für eine der bedeutendsten Tourismusregionen Österreichs. Auch für Wildwasserpaddler lohnt sich bei guten Bedingungen ein Besuch trotz einiger Wehrmutstropfen garantiert. Neben vielen kleineren Wildbächen locken vor allem die Klassiker Lammer und Koppentraun. Erstere liegt zwar im Salzburger Tennengau, gehört zu einem Paddelwochenende im Salzkammergut aber einfach dazu.

Von Matthias Breuel


Lofer, immer wieder Lofer. Egal ob ein Wochenende mit Wildwassereinsteigern oder herbstliche Runden durch die Loferschlucht, wenn überall sonst das Wasser knapp ist. Als Münchner Paddler sind die Strecken rund um die Saalach oft die erste Anlaufstelle. Dafür gibt es gute Gründe: Die vergleichsweise kurze Anfahrt, die Vielfalt der Region, die perfekte Infrastruktur. Andererseits aber ist dieser Lofer-Magnetismus durchaus schade. Denn ins etwa 70 Kilometer Luftlinie weiter östlich gelegene Salzkammergut, komme ich leider weitaus seltener zum Paddeln, obwohl ich die Gegend eigentlich sehr gerne mag.
Eine der Ursachen dafür ist natürlich zunächst die mindestens eine Stunde längere Anfahrt. Da ich gern möglichst wenig Zeit im Auto verbringe, fällt das Salzkammergut allein schon deshalb bei mir oft durchs Raster. Erst recht seitdem die Grenze zwischen Deutschland und Österreich am Walserberg bei Salzburg durch die Wiedereinführung der Grenzkontrollen zum echten Nadelöhr samt Sperrung der Ausweichstrecken wurde. An schönen Wochenenden und zur Reisezeit bin ich daher als Stau-Allergiker von vornherein raus. 


Gegen den Strom

Eher unfreiwillig haben wir an diesem langen Wochenende aber die Möglichkeit, antizyklisch unterwegs zu sein. Einer von uns kann am Sonntag nicht, der andere erst ab Freitagmittag. Uns bleiben also gerade mal eineinhalb gemeinsame Tage. Eigentlich eine klare Sache: Die Pegel im nahen Tirol sind perfekt, die Schneeschmelze ist in vollem Gange, die Auswahl an Strecken ist groß. Doch meine beiden Mitfahrer wollen lieber mal wieder ins Salzkammergut. Obwohl dort die Wasserstände außer für die beiden Klassiker Lammer und Koppentraun eher zweifelhaft sind, stimme ich zu. Auch ich habe Lust, mal wieder dort paddeln zu gehen und mal wieder etwas anderes als unsere „Hausstrecken“ zu sehen. Wir beschließen also, dieses Mal lieber gegen den Strom zu schwimmen.
Das trifft zum Glück auch für die Anfahrt zu. Die Ausflügler sind wohl schon früher ins lange Wochenende gestartet, so dass wir am Nachmittag freie Fahrt bis zur Lammer haben. Diese liegt derart ideal direkt auf dem Weg ins Salzkammergut, dass es eine Sünde wäre, hier nicht die Boote abzuladen. Als Geograph habe ich zwar immer ein schlechtes Gewissen, die im Salzburger Tennengau liegende Lammer automatisch auch als Teil des Salzkammerguts zu sehen, doch aus Paddlerperspektive wäre alles andere widersinnig. Denn die Lammer und ihre Nebenbäche gehören für mich ebenso zu diesem Revier wie Traun und Konsorten. Zumal die Lammer neben der (Koppen-)Traun der einzige größere Wildfluss ist und daher gute Chancen auf ausreichende Wasserstände bietet.


Abends durch die Öfen

Auch heute reicht der Pegel nur für die Lammer selbst. Da es bereits später Nachmittag ist und meine Kollegen Dreierstrecken zum Einpaddeln längst hinter sicher gelassen haben, wollen wir uns auf einige Runden durch die berühmten Lammeröfen beschränken.  Für Dreierpaddler ist die oberhalb gelegene und leider ebenso wie die Öfen nur kurze Voglauer Klamm eine echte Perle. Auch für sie reicht das Wasser häufig und gerade auch nach der eigentlichen Durchbruchsstrecke direkt neben der Straße folgen noch einige sehr attraktive Schwallstrecken und Blockstellen (je nach Pegel), die zum Üben ideal sind. Angesichts der kurzen Streckenlänge ist hier aber eigentlich die eine oder andere Wiederholung Pflicht.
Das ist auch unser Plan für die Öfen. Mit dem Unterschied, dass die Öfen als eine der schönsten Viererklammen der Alpen definitiv kein Übungsgelände mehr sind. Die Rolle muss hier sitzen, fast alle Stellen sind Zwangspassagen und bei zu viel Wasser sind die Öfen absolut tabu. Für alle, die sich fragen, was es eigentlich mit der Bezeichnung „Öfen“ auf sich hat, vielleicht zunächst noch folgender Exkurs. Nein, noch wollen wir nicht kochen. Mit „Öfen“ werden Klammen bezeichnet, deren Felswände überhängen und sich teilweise sogar berühren, also eine Art Halbhöhle bilden, wie es hier an der Lammer und gleich nebenan an der Salzach der Fall ist. Die Lammeröfen können also ganz prosaisch auch als Lammerklamm bezeichnet werden, aber für mich sind es einfach die „Öfen“.
Und die bleiben jedes Mal aufs Neue enorm beeindruckend. Über dem Tennengebirge hängen dunkle Gewitterwolken, die wohl die meisten Ausflügler bereits dazu animiert haben, sich lieber auf den Weg zum Abendessen zu machen. Wir haben die düster und geheimnisvoll anmutende Landschaft aus Wald und Fels ganz für uns alleine. Bereits nach kurzer Strecke mit wenigen Stellen zum Einpaddeln öffnet sich vor uns der gewaltige Felsspalt der Dunkelklamm. Die wuchtige Einfahrt in den „Dom“ mit kräftigen Walzen ist nicht nur bei einer ersten Befahrung auch Kopfsache, denn Rotieren oder Kraulen möchte hier wohl keiner. Aufrecht im Boot sitzend ist die düstere Klammdurchfahrt mit Verschneidungen und Presswassern dagegen ein wunderbares Gefühl.

   


Mit Vollgas durch die Klamm

Der folgende Katarakt, schlicht auch ebenso benannt, ist die technisch wohl anspruchsvollste Stelle der Schlucht, kann aber als einzige Passage im Zweifelsfall halbwegs sinnvoll umtragen werden. Häufiger verkeilen sich hier Baumhindernisse, doch wir haben heute freie Fahrt. Auch die bald darauffolgende lange Gerade vor dem Klammausgang mit einigen knackigen Stellen, die sich je nach Pegel ganz unterschiedlich präsentieren, ist baumfrei. Davon sollte man sich unbedingt vor dem Paddeln vom gebührenpflichtigen Klammsteig überzeugen. Wir lassen es krachen und düsen in einem Rutsch bis zum Ausgang der Klamm durch. Die oft etwas hinterhältige Klammausfahrt mit einem Felssturz entlässt uns in einen monumentalen Felskessel, nach dem sich die steilen Wände sofort öffnen. Bis zum Ausstieg sind es noch einige hundert Meter leichtes Wildwasser und dann steht schon die nächste Runde an.


 Auf Herbergssuche

Irgendwann signalisieren die knurrenden Mägen, dass es Zeit fürs Abendessen ist. Für unser kurzes Wochenende haben wir keine Kochausrüstung dabei und beschließen deshalb in einer Gaststätte unterwegs einzukehren. Ich sehe das immer auch als Beitrag, etwas Geld vor Ort in der Region zu lassen (und damit hoffentlich ein kleines Stück weit zu unserer Beliebtheit als Gäste beizutragen). Manchmal ist das aber vielleicht auch nur ein willkommenes Argument, wenn ich zu faul bin, noch selbst zu kochen. Wir lassen jedenfalls etwas Geld in einem zwar soliden, aber nur eingeschränkt landestypischen Restaurant mit der berühmten „internationalen Küche“. Unser Zeitplan ist so getaktet, dass wir nach der Fahrt über den Pass Gschütt bei Rußbach ins „richtige“ Salzkammergut, nicht zu spät am Campingplatz in Hallstatt ankommen.
Denken wir jedenfalls. Als wir aber gegen 20:30 eintreffen, reicht das nur noch für eine Schimpftirade des Campingplatzbesitzers. Völlig verdattert ziehen wir von dannen. Vor einigen Jahren waren wir hier häufiger zu Gast, doch die aktuellen Bewertungen im Netz hatte ich nicht wahrgenommen. Also müssen wir einen anderen Platz für die Nacht finden. Leider sind Campingplätze hier im inneren Salzkammergut Mangelware und bis wir am Wolfgangsee oder in Bad Aussee wären, dürften auch dort die Plätze vielleicht schon geschlossen sein. Als braver Bürger möchte ich eigentlich aufs Wildzelten verzichten, doch einfach mal für Wochenende zum Paddeln zu fahren, scheint unter diesen Voraussetzungen kaum mehr möglich zu sein. Zum Glück nimmt man uns am Platz in Obertraun eher aus Mitleid doch noch auf. So schön dieser Platz auch ist, für jüngere Wildwasserpaddler ist er letztlich keine Option. Ruhe wird hier so großgeschrieben, dass wir am nächsten Tag erst um 9 Uhr den Platz wieder verlassen dürfen und nach der Übernachtung reicht unser Budget sicher für keine zweite Einkehr in der Region mehr.
Im Rahmen der Recherchen für meinen Wildwasserführer erörtere ich das Übernachtungsproblem am nächsten Morgen kurz mit dem Tourismusverband. Dort rät man zur Buchung von Privatunterkünften oder Ferienwohnungen. Campen kann ich rund um den Hallstätter See leider nicht wirklich empfehlen, seit der urige Platz an der Gosaumühle Geschichte ist. Gute Erfahrungen haben wir dagegen (allerdings in der Vorsaison) am sehr professionellen Campingplatz Berau am Wolfgangsee gemacht. Eine Option können auch die Campingplätze rund um Bad Aussee oder bei Abtenau sein, die allerdings als Basislager weniger zentral liegen.


Ein kleines Klammerlebnis

Leider bestätigt sich bei strahlendem Sonnenschein die Vorahnung, dass die Schneeschmelze im Salzkammergut in diesem Jahr wohl schon vorbei ist.  Die wunderschönen kleinen Wildbäche der Region führen kaum noch Wasser. Weder am Zinkenbach, noch am Gimbach, reicht es zum Paddeln und selbst am oft etwas länger Wasser führenden Rettenbach haben wir kein Glück. Ein paar Höhenmeter können wir an diesem Vormittag aber doch noch im Boot abbauen. Der Höllbachfall und die kleine Mitterweißenbachklamm bleiben auch bei Minimalpegel paddelbar und auch die bei mehr Wasser gefährlichen Rückläufe in der engen Klamm sind heute kein Thema. Natürlich sind es nur ein paar kleine Hupfer, doch immerhin komme ich so auch noch zu einer Befahrung des Höllbachfalls. Als ich mit 12 Jahren meine ersten Wildwassererfahrungen machte, galt diese Dreifachstufe als echte WW 6-Stelle, die damals in meinem Kinderzimmer Poster und Kalender zierte. Ein Sechser ist die Stelle natürlich nach modernen Maßstaben schon lange nicht mehr, spektakulär ist die Kombination, über die Höllbach und Dürre Pölitz in die Klamm stürzen und dort den Mitterweißenbach bilden, aber noch immer. Bei so wenig Wasser gibt es auch für mich zum ersten Mal keinen Grund zu kneifen und so bringt dieser Vormittag immerhin noch eine neue Stelle in meinem Fahrtenbuch.


Ein außergewöhnlicher Klassiker

Viel lohnender ist aber bei der allgemeinen Wasserarmut der große Klassiker der Region, die Koppentraun. Der Hauptfluss des Gebiets führt dank seines großen und höheren Einzugsgebiets sowie der Seen, aus denen seine Quellflüsse entspringen, immer noch schönes Mittelwasser. Über die Pötschenhöhe oder den Koppenpass ist der Einstieg aus fast allen Richtungen schnell erreichbar und so laden wir schon zur Mittagzeit unsere Boote am Bahnhof von Bad Aussee vom Auto. Die Bahnhöfe am Einstieg und Ausstieg ermöglichen es, an der Koppentraun bequem per Zug umzusetzen, doch auch Fahrrad oder Laufschuhe sind hier gute Optionen.
So vielfältig die Möglichkeiten zum Umsetzen sind, so außergewöhnlich ist die Koppentraun als Fluss. Einerseits ist sie natürlich ein großer Klassiker, eine echte „Standardstrecke“, doch gewöhnlich ist an diesem Fluss nur wenig. Das beginnt bei ihren Quellflüssen samt Seen, die dafür sorgen, dass das Wasser ungewohnt warm und selbst bei Hochwasser nicht automatisch trüb und braun ist. Nicht weniger ungewöhnlich ist es, dass auf gerade mal 600 Metern Höhe in manchen Jahren selbst Ende Mai noch riesige Lawinenreste den Fluss säumen. Eine Besonderheit der Koppentraun ist auch, dass der Fluss am Ein- und Ausstieg trügerisch harmlos wirkt (samt fröhlich plantschenden Enten), im Mittelteil bei höheren Wasserständen aber pausenloses Wuchtwasser mit überdurchschnittlich vielen Walzen verbirgt. Und dann wären da noch die beiden Katarakte, deren leichterer seltsamerweise „Geschautes“ heißt (was wohl meint, dass man diese Stelle besichtigten sollte), während das „Ungeschaute“ anders als es der Name vermuten lässt, unbedingt angeschaut werden sollte.
Heute dürfen wir den alten Leitsatz „Wir trauen uns auf die Koppentraun, denn die Koppentraun, die ist uns zuzutrauen“ auf alle Fälle beherzigen, denn der Pegel ist moderat. Bei Hochwasser bleibt die Koppentraun aber nur Wuchtwasserroutiniers vorbehalten, denn das Mittelstück wird dann zum echten Kracher und Schwimmen muss absolut tabu. So gern ich mich an eindrucksvolle Hochwassertouren erinnere, so genussvoll ist die Koppentraun auch beim heutigen Mittelwasserstand. Überall gibt es Gelegenheiten zum Spielen und Stylen und vom Blocklabyrinth, zu dem sich der Fluss bei Niedrigwasser entwickelt, sind wir noch ein ganzes Stück entfernt. Dass wir heute noch das Wildwasser in der Koppenschlucht genießen dürfen, verdanken wir dem großartigen gemeinsamen Einsatz von Naturschützern, Fischern, Paddlern und vielen weiteren Akteuren gegen eine geplante Ableitung der Koppenschlucht.  Maßgeblich am damaligen Protest beteiligt waren auch die Macher von www.kajak.at, in den Nullerjahren der zentralen Anlaufstelle im Netz für Wildwasserpaddler.

   


Überraschungen in der Koppenschlucht

So verlockend die Sohlschwellen direkt am Einstieg mit ihren Wellen und Walzen auch aussehen, auf Spieleinlagen verzichten wir wegen der Gefahr von Eisenträgern und weiterer Gemeinheiten lieber. Auch das bald darauffolgende Wehr erfordert Vorsicht. Der Rücklauf ist apokalyptisch, doch die Bootsgasse auf der linken Seite ist normalerweise problemlos befahrbar (Vorsicht bei Hochwasser, dann reicht der Rücklauf bis an das Ende der Bootsgasse!). Auch nach dem Wehr erinnert die Koppentraun zunächst eher an einen Auenfluss, doch allmählich werden die Schwallstrecken sportlicher und spätestens wenn die Enten den Rückflug Richtung Bad Aussee antreten, wird es ernst.
Durch schöne Schwälle spielen wir uns zum ersten Katarakt, in dem sich manchmal ein fieser Siphon auftut, sich mit offenen Augen aber auch gute Möglichkeiten zum Abheben finden lassen. Der folgende Eissee präsentiert sich nach dem schneearmen Winter leider ohne spektakuläre Lawinenreste, doch in den nächsten Minuten bleibt uns eher keine Zeit über den Klimawandel nachzudenken. Den folgenden zweiten Katarakt wollen wir eigentlich wie immer kurz besichtigen, allein schon wegen der Gefahr von Baumhindernissen. Doch da haben wir die Rechnung ohne die Koppentraun gemacht. Durch Veränderungen des Flussbetts ist es nicht mehr sicher möglich, direkt vor dem Katarakt rechtsufrig anzulanden. Statt einladender Kehrwasser gibt es hier nur noch verblockte, steckgefährliche und teils durch Holz verlegte Durchfahrten. Natürlich hätten wir auf Nummer sicher gehen können und bereits vom Eissee aus auf der linken Uferseite besichtigen können, aber dazu waren wir ehrlich gesagt zu faul und jetzt ist es zu spät. Die sicherste Variante bleibt für uns in diesem Moment eine Befahrung auf Sicht, bei der uns viele Jahre Routine und diverse Befahrungen der Stelle natürlich in die Karten spielen. Alles geht gut, aber die Augen werden doch etwas größer. Gerade bei höheren Wasserständen hätte unsere Nachlässigkeit aber auch ins Auge gehen können, daher der gute Rat hier wirklich rechtzeitig (von links) zu besichtigen.
Die folgenden Kilometer sind der Wuchtwasser-Gegenentwurf zur Ötz. Ebenfalls schnell und kontinuierlich zwar, aber mit bemoosten Felsböcken statt nacktem Geröll, mit warmem, klarem Wasser statt eiskalten grauen Gletscherfluten und gespickt mit einigen durchaus mächtigen Walzen. Als die Schwierigkeiten gegen Ende der Schlucht allmählich wieder nachlassen, sind wir uns einig, dass die Koppentraun zurecht ein echter Klassiker ist.


Lust auf die Lammer

Für eine zweite Fahrt reicht unser knapp bemessenes Zeitbudget angesichts der relativ langen Paddelstrecke der Koppentraun leider nicht mehr aus, denn schon am Abend müssen wir wieder zurück in München sein. Doch auf ein oder zwei Fahrten durch die Lammeröfen hätten wir eigentlich schon noch Lust. Wie gut, dass die Öfen ohnehin wieder direkt auf unserem Rückweg liegen und ohne aufwändige Vorbesichtigungen für uns eine schnelle Nummer sind.
Mit ein paar Sonnenstrahlen wirkt der enge Felsdurchbruch zwischen Osterhorngruppe und Tennengebirge gleich eine Spur freundlicher, doch am Anspruch des Wildwassers ändert die Optik natürlich wenig. Wir haben die besten Linien vom Vorabend noch gut im Kopf und genießen einen perfekten Abschluss unseres kurzen Paddelwochenendes. Selbst der Stau bei der Wiedereinreise nach Deutschland bleibt überschaubar, so dass wir mit unserer Entscheidung fürs Salzkammergut letztlich vollkommen zufrieden sind. Und so nehmen wir uns, übrigens nicht zum ersten Mal vor, in Zukunft nicht immer gleich nach Lofer abzubiegen, sondern etwas häufiger weiterzufahren zu Lammer, Koppentraun und co.

 

 


Wildwasser rund um Lammer und Koppentraun


Anspruch und Überblick
Rund um Lammer und Koppentraun, im Tennengau und Salzkammergut, können Wildwasserbegeisterte mit unterschiedlichem Paddelkönnen glücklich werden. Hier ein kurzer Überblick über die Möglichkeiten für (fast) jedes Level.

Für WW 2-3 Paddler ist die Auswahl wirklich lohnender Strecken allerdings relativ begrenzt und beschränkt sich auf die sehr schöne Standardstrecke des Mitterweißenbachs, die ich bislang immer nur bei relativ niedrigen Pegelständen erlebt habe, die Lammer vor der Voglauer Klamm (ausreichend Wasser nur im Frühling zur Zeit der Schneeschmelze und nach Regenfällen) und ggf. noch ein kurzes Teilstück der Grundlseetraun. Ansonsten sind die Quellflüsse der Koppentraun sowie einige weitere kleine Flüsse der Region mit eigentlich moderaten Schwierigkeiten aufgrund diverser Wehranlagen teilweise gefährlich und wenig attraktiv. Wer hingegen kein Problem damit hat, wenn es auch mal etwas leichter ist (WW 1-2 und Tourenpaddeln), findet auf der Traun, unteren Lammer und den diversen Seen weitere schönen Strecken. Je nach eigenem Anspruch lohnt sich also ein (vielleicht auch langes) Wochenende in der Region auch für Genusspaddler, besonders sofern auch Rad, Wanderschuhe und Klettersteigset zum Einsatz kommen sollen. Die leichteren Strecken haben allerdings oft nur zur Zeit der Schneeschmelze im April und Mai beziehungsweise nach Regenfällen ausreichend Wasser zum Paddeln und die im Bericht beschriebenen wassersicheren Strecken sind für WW 2-3-Paddler definitiv deutlich zu sportlich.
Alle, die sich auf WW 3 wohlfühlen, dürfen sich mit der Voglauer Klamm der Lammer zusätzlich zu den oben genannten Strecken auf ein echtes Schmankerl freuen. Schlägt man das Basislager bei Golling oder Abtenau auf, lohnt sich auch ein Abstecher an die wuchtige mittlere Salzach zwischen Pinzgau und Pongau. Bei sehr wenig Wasser, viel Erfahrung und unter erfahrener Anleitung kann evtl. auch die Koppentraun eine Option sein (mit Umtragung der Kernstellen).
Richtig lohnend ist die Region für jene, die sich auf WW 3-4 und WW 4 wohlfühlen. Zur Zeit der Schneeschmelze und nach Regenfällen vergrößern dann viele kleine Wildbäche die Streckenauswahl erheblich. Auf manchen davon ist aber noch etwas Luft nach oben in Sachen Schwierigkeitsniveau kein Fehler. Bei moderaten Pegelständen bleiben immer noch die im Bericht vorgestellten Klassiker, die in Kombination mit anderen Aktivitäten leicht ein langes Wochenende füllen können. Ob das eigene Können aber schon für die Lammeröfen reicht, oder lieber noch ein paar Runden durch die Voglauer Klamm anstehen, sollte vor einer Tour durch die Öfen unbedingt selbstkritisch hinterfragt werden.
Mit Erfahrung auf WW 4-5 ist das Potential für Entdeckungen bei guten Wasserständen dann richtig groß, doch das wäre ein anderes Thema. Allen die auf diesem Niveau unterwegs sind (und nur ihnen) steht dafür auch die Koppentraun bei hohen Wasserständen offen und auch in den Lammeröfen darf es dann etwas mehr Wasser sein (auf keinen Fall aber zu viel).

Flussinfos (zu den Strecken im Bericht):

Lammer, Voglauer Klamm
Länge und Schwierigkeiten: 3 km WW 3/3+
Charakter: Kurze Klammstrecke neben der Straße gefolgt von einigen schönen Schwallstrecken und Blockstellen, je nach Pegel technisch bis wuchtig
Einstieg: Brücke Voglau (oder bei guten Wasserständen Brücke Abtenau – Rußbach, 6 km WW 2/2+ (3-) zusätzlich)
Ausstieg: Straßenbrücke oberhalb der Lammeröfen
Gefahren: Leichte Unterspülungen, bei hohen Wasserständen nicht den Ausstieg vor den Öfen verpassen.

Lammer, Lammeröfen
Länge und Schwierigkeiten:  2 km WW 4 (4+)
Charakter: Wuchtige technisch anspruchsvolle Katarakte und Engstellen in einer Klamm
Einstieg: Straßenbrücke oder Parkbucht oberhalb der Öfen
Ausstieg: Straßenbrücke unterhalb der Öfen
Gefahren: Steckgefahr, Rückläufe, Baumhindernisse, Klammausfahrt bei viel Wasser, zu hohe Wasserstände

Mitterweißenbach, Klamm
Länge und Schwierigkeiten: 0,5 km WW 4+/5- (5)
Charakter: Drei kaum abzusichernde Stufen in einer Klamm mit gefährlichen Rückläufen bereits bei Mittelwasser
Einstieg: Oberhalb oder unterhalb des Höllbachfalls (WW 5)
Ausstieg: am Klammende hochtragen, bei ausreichenden Wasserständen lohnt sich eine Weiterfahrt auf der Standardstrecke (4 km WW 2-3+, unbefahrbares Wehr am Ende des flachen Kiesbetts nach der Klamm)
Gefahren: Rückläufe

Koppentraun
Länge und Schwierigkeiten: 8 km WW 3-4+ (5-)
Charakter: Wuchtige Schwallstrecken und Katarakte in einer Waldschlucht, bei geringer Wasserführung verblockt
Einstieg: Bahnhof Bad Ausssee
Ausstieg: Brücke Koppenrast
Gefahren: Wehr am Schluchtbeginn und Sohlschwellen am Einstieg, Baumhindernisse, Schwimmen bei mittleren und hohen Wasserständen, zeitweise Siphon im ersten Katarakt vor dem Eissee.


Anreise: Anfahrt ab München über die A 8 nach Salzburg. Ab Salzburg wahlweise über die A 10 (Ausfahrt Golling), Abtenau und Rußbach ins Innere Salzkammergut oder über Fuschlsee bzw. Mondsee und Wolfgangsee Richtung Bad Ischl. Für die Wildbäche im Norden des Salzkammerguts sind die letztgenannten Routen zwar deutlich kürzer, die direkte Verbindung ab Salzburg ist aber stauanfällig. Bei Anfahrt über Golling und Abtenau liegt die Lammer direkt am Weg.
Beste Zeit: Die kleineren Wildbäche im Salzkammergut führen nur zur Zeit der Schneeschmelze (meist April und Mai) regelmäßig ausreichend Wasser. Oder aber nach relativ häufigen kräftigen Regenfällen, sofern man dann spontan starten kann. Koppentraun und Lammer führen dann aber viel bzw. für die Lammeröfen zu viel Wasser. Hier gibt es dafür außer in trockenen Jahren oft bis in den Sommer hinein (und manchmal auch im Herbst) ausreichende Wasserstände.
Übernachtung: Leider gibt es rund um den Hallstätter See keinen Campingplatz mehr, den ich für Wildwasserpaddler empfehlen kann. Der Tourismusverband rät hier zu Buchung von Ferienwohnungen oder Privatunterkünften. Mehr Infos auf www.hallstatt.net. Weniger zentral, aber eventuell eine sinnvolle Option sind die Campingplätze bei Bad Aussee und Abtenau. In der Vorsaison haben wir sehr gute Erfahrungen mit dem Campingplatz Berau am Wolfgangsee gemacht (www.berau.at).
Pegelstände: Die Pegel der beschriebenen Flüsse sind in der Riverapp und auf rivermap.ch zu finden. Leider sind die Pegel nicht immer ganz zuverlässig, gerade der Online-Pegel der Koppentraun fällt häufiger aus. Dieser Pegel findet sich ganz analog vor Ort an der Brücke bei der Koppenrast, 100 cm bedeuten hier Niedrigwasser, 120 cm Mittelwasser und ab 145 cm geht es in den Hochwasserbereich. Wer nicht viel Erfahrung mit wuchtigem WW 4 hat, sollte fürs erste Mal Koppentraun tunlichst nicht mehr als 130 cm am Pegel haben.
Die Pegel der kleineren Wildbäche werden online leider häufiger nicht angezeigt, hier helfen ggf. Infos in den sozialen Netzwerken, Webcams (Schneelage) und etwas Intuition weiter.
Literatur: Umfassende Infos und detaillierte Beschreibungen auch aller weiteren Strecken in der Region sowie viele Tipps auch für die Zeit an Land bietet der neue Flussführer „Kajakparadies Nordalpen“ von Matthias Breuel, erschienen im DKV-Verlag.

Kajakparadies Nordalpen

1. Auflage 2021, 368 Seiten
Die 90 schönsten Wildwassertouren zwischen Graubünden und dem Salzkammergut

Mehr als  90 beschriebene Strecken von leicht bis schwer stehen zur Auswahl. Erstklassige Fotos machen Geschmack auf das Paddeln, Gewässerkarten zu jeder Tour helfen bei der Tourenplanung und Orientierung.  Neben detaillierten Informationen zu Flusscharakter, Gefahren und Logistik kommen auch Tipps für die Zeit an Land nicht zu kurz.

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