26. Januar 2021

Eine Wintertour auf der Sude

Endlich Wochenende, endlich einmal wieder ein wenig Zeit zum Paddeln. Was spricht also gegen eine kurze, gemütliche Nachmittagstour auf der gut eingeschenkten Sude – abgesehen von unangenehmen, nasskalten minus drei Grad Celsius - eigentlich nichts!

Von Heinz-Georg Luxen

Schnell sind die dick vereisten Boote vom Autodach geladen und noch schneller sind wir in der wärmenden Neokluft. Kaum auf dem Wasser stellt sich heraus, dass die Steueranlagen unserer Tourenkajaks festgefroren sind und sich somit kaum bewegen lassen. Doch wen stören schon derartige Nebensächlichkeiten angesichts der vor uns liegenden, lang ersehnten, entspannten Paddeltour. Schön wieder auf dem Fluss unterwegs zu sein und bei dem leichten Hochwasser dürfte die sechzehn Kilometer entfernte Ausstiegsbrücke bei Besitz auch recht zügig erreicht sein, so ist zumindest unser Gedankengang kurz nach dem Start unweit von Quassel. Ja, in der Tat, zu diesem Zeitpunkt des Trips war uns wirklich nicht bewusst, dass sich unsere, als gemütlich geplante Paddeltour, zu einer kleinen Sude-Expedition entwickeln sollte.

 

Wasser über Wasser, wohin man auch schaut

Wie von Geisterhand geführt erreichen wir alsbald das erste Wehr bei einer dem Verfall überlassenen Mühle. Dem zumeist unbefahrbaren, rechts abzweigenden Wehrkanal schenken wir keinerlei Beachtung und gleiten direkt bis kurz vor das Mühlenwehr. Mit kürzeren Booten dürfte die Befahrung kaum ein Problem darstellen. Wir entscheiden uns jedoch mit Rücksicht auf das Material und die Steueranlagen zu einer rechtsufrigen Umtragung der Wehranlage. Vor dem Wiedereinstieg gönnen wir uns eine kurze Pause und bekommen sogar die vereisten Steueranlagen wieder gängig. Wir erkunden noch ein wenig die Umgebung zu Fuß, entdecken erstaunlich viele Biberaktivitäten an den Gehölzen und sind zudem beeindruckt von dem beachtlichen Rücklauf des Wehres in dem ansonsten fast immer zu wenig Wasser führenden Umgehungskanal. Sehr fix entscheiden wir uns zur Fortsetzung der Fahrt, kriecht doch die Kälte ohne die entsprechende Körperbewegung-schnell in die Knochen und lässt uns frösteln.
 

Dank des erhöhten Wasserstandes kann man, im Gegensatz zu unseren früheren Touren, gut über die Uferbefestigungen schauen und so den Landschaftsmehrwert genießen. Bereits recht früh erkennen wir im dichter werdenden Nebel schemenhaft die senkrecht aus dem Wasser ragende Stahlkonstruktion des zweiten Wehres. Statt der nun anstehenden, üblichen Portage können wir diesmal einfach über die überflutete Wiese am Wehr vorbei paddeln. So inmitten der weiten Wasserfläche der völligen Nutzlosigkeit preisgegeben, gibt die Wehranlage ein recht skurriles Bild ab.

Mit Schwung paddeln wir auf eine Eisplatte am Ufer, verlassen die Boote und werfen vom nahegelegenen Deich einen Blick auf Wald und Flur. Wald? Am Horizont im Nebel verschwimmend entdecken wir einige Baumreihen. Flur? Wasser, soweit das Auge reicht! Sämtliche Felder und Wiesen sind aufgrund des Elbhochwassers gepoldert also bewusst geflutet. Welch ein Anblick, aber es sollte für uns ja noch “besser“ kommen.

 

Beeindruckt setzen wir unsere Tour fort. Wenige Flussbiegungen weiter befinden wir uns bereits im Wasserchaos. Wie sagt man so schön: Wir sind mittendrin statt einfach nur dabei. Der eigentliche Flussverlauf ist mittlerweile nicht mehr erkennbar. Wir sind umgeben von unendlich erscheinenden Wasser- und Eisflächen, deren Ausdehnungen aufgrund der schlechten Witterungsverhältnisse kaum auszumachen sind. Die Kombination aus den doch relativ hellen Eisflächen gepaart mit dem trüben Nebelwetter stellt eine echte Herausforderung für die Augen dar, doch mit Sonnenbrille ständen wir wohl ganz im Dunkeln. Rein fotografisch betrachtet würden wir heute ohne die Farbakzente der Boote und der Schwimmwesten eine Zeitreise zurück in die Schwarz-Weiß-Epoche unternehmen.

Eiskalt erwischt

Es ist schon ein ganz besonderes Erlebnis, gar nicht weit von der Millionenmetropole Hamburg entfernt, inmitten unendlicher, teils freier und teils gefrorener Wasserflächen, umgeben von schlichtem “Nichts“, mit den Kajaks unterwegs zu sein. Erste einzelne Eisplatten treiben auf dem Fluss oder besser gesagt auf dem Teil der Wasserfläche, wo wir den Fluss vermuten. Unserer Theorie zufolge dürften wir aber mit der Vermutung gar nicht so verkehrt liegen, denn da wo die Eisschollen treiben, müsste sich das Wasser ja auch bewegen, wobei eine entsprechende Strömung mit bloßem Auge nicht auszumachen ist.

Um uns herum ist es still, ja fast schon unheimlich still, nur das leise Knacken der Eisschollen ist zu vernehmen, sobald diese vom Bug der Kajaks zerteilt werden. Langsam bekommen wir leichte Zweifel bezüglich unserer Orientierung. Rein gefühlsmäßig hätten wir  bereits die erste Brücke erreichen müssen. Erleichtert bemerken wir dann einige Zeit später die Umrisse der Flussüberspannung, die sich genauso absurd und nutzlos wie das zweite Wehr in Szene setzt. Die Straße links und rechts der Brücke ist unter den Wassermassen verschwunden. Völlig deplaziert wirken die Brückenbögen – wie stumme Zeitzeugen die darauf warten, vielleicht irgendwann einmal wieder ihrer Bestimmung nachzukommen.

Nur wenige Kilometer trennen uns jetzt noch von unserer geplanten Ausstiegsstelle, doch die Eisflächen werden immer größer und erschweren so das Fortkommen. Ein Eisband von gut zwanzig Metern Breite verhindert nun endgültig die Weiterfahrt. Mit viel Schwung krachen die Spitzen unserer Boote auf das Eis. Lautes Knacken dringt an unsere Ohren, als die Eisfläche offenes Wasser freigibt. Wenige Meter vor der nächsten eisfreien Wasserfläche verebbt der Schwung und die Kajaks sind vom Eis umgeben. Auf der glatten Oberfläche ist ein Vorwärtsschieben mit den Händen unmöglich, zum Aussteigen ist die Eisfläche zu dünn und die Paddel  lassen sich auch nirgendwo einstechen.

Mit gemischten Gefühlen hacke ich mit dem teuren Tourenpaddel Löcher in das Eis, um mich vorwärts zu schieben (ein gutes altes Schlegel Paddel – ja, das mit der Alukante würde mein Gewissen gegenüber meiner Ausrüstung jetzt enorm beruhigen). Nach diversen Hackattacken erreichen wir wieder offenes Wasser und  zu meinem Erstaunen hat das Paddel  keinen sichtbaren Schaden davon getragen. So, jetzt aber auf zum Endspurt, denn mittlerweile hängen wir ein wenig unserem Zeitplan hinterher und eine gemütliche, entspannte Sonntagsnachmittagstour sieht eigentlich auch irgendwie anders aus.

Normalerweise kann uns nun nichts mehr stoppen, war doch die Wasseroberfläche am geplanten Ausstieg völlig frei. Doch weit gefehlt! Bei der Krainkemündung macht der Fluss bzw. die komplette Überschwemmungszone dicht. An eine Weiterfahrt ist hier nicht mehr zu denken. Wir sind quasi gefangen im Eis! Mit Hilfe des Handy (wie hätten wir das wohl vor 30 Jahren gehandhabt?) dirigieren wir unsere Landmannschaft in die Nähe unseres Aufenthaltortes. Über einige Deiche schleppen wir die Boote Richtung Straße, wo wir unsere Tour, die unerwartet einen kleinen expeditionellen  Touch bekommen hat, beenden, aber machen nicht gerade solche Erlebnisse den Reiz des Winterpaddelns aus?

 


 


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