25.09.2020 | DKV

Gelebte Vorbildrolle im Thema Gleichstellung

Diskussion mit IOC-Präsident Thomas Bach bei der digitalen DOSB-Frauen-Vollversammlung
"leading by example"

Inhalte und Strategie standen am Freitag und Samstag im Mittelpunkt des Fachforums und der 15. Frauen-Vollversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), die mit mehr als 100 Teilnehmenden zum ersten Mal im digitalen Format stattfand. Auch DOSB-Präsident Alfons Hörmann sowie Thomas Bach, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), haben sich beteiligt, darüber hinaus neben der DOSB-Vizepräsidentin Frauen und Gleichstellung, Petra Tzschoppe, auch die Vizepräsidentinnen  Gudrun Doll-Tepper (Bildung und Olympische Erziehung), Uschi Schmitz (Leistungssport) sowie Mona Küppers als Vorsitzende des Deutschen Frauenrates und Präsidentin des Deutschen Segler-Verbandes.   

Alfons Hörmann gab der Versammlung einen Überblick über die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf SPORTDEUTSCHLAND und warnte vor gravierenden wirtschaftlichen Folgen. Diese könnten auch den bislang erreichten Stand der Gleichstellungspolitik gefährden, war eine Sorge der Teilnehmer*innen. Im Sport könne das den Frauensport sowie den Wettkampfsport in unteren Klassen noch stärker belasten als die sehr medienträchtigen Wettbewerbe. Hörmann versicherte, dass sich der DOSB auch weiterhin intensiv an allen Stellen dafür einsetze, die negativen Effekte zu minimieren und dafür Sorge zu tragen, dass der Sport auf allen Ebenen und somit auch der Frauensport Unterstützung erfahre. Er betonte den hohen Stellenwert der Gleichstellungspolitik im DOSB.

IOC-Präsident Thomas Bach, aus Lausanne zugeschaltet, beantwortete in einem Talk Fragen der Teilnehmer*innen zur Geschlechtergerechtigkeit aus internationaler Perspektive. Er konnte auf Erfolge verweisen: So seien bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro 2016 bereits 45 Prozent der Aktiven weiblich gewesen, in Paris 2024 rechne das IOC mit gleichen Frauen- und Männeranteilen. Unter den IOC-Mitgliedern sei der Frauenanteil seit 2013 von 21 auf 37 Prozent erhöht worden, in den IOC-Kommissionen auf nahezu die Hälfte. Bach räumte ein, dass es bei allen Erfolgen an vielen Stellen weltweit noch Nachholbedarf gäbe; längst nicht in allen NOKs und internationalen Fachverbänden sei die Situation zufriedenstellend. Verstärkte Aktivitäten unternehme das IOC aktuell im Bereich der Trainerinnen und Kampfrichterinnen. Das Augenmerk wurde zudem auf die Situation von trans- und intersexuellen Personen im olympischen Sport gerichtet.

Die wichtigste Botschaft des IOC-Präsidenten lautete: „leading by example“. Erfolge (nicht nur) auf dem Gebiet der Gleichstellung könnten nur erreicht werden, wenn Konzepte und Vorgaben auch in der eigenen Organisation umgesetzt und täglich (vor)-gelebt würden. Nur mit gelebter Vorbildrolle würde eine Organisation als Leuchtturmfunktion für andere wahrgenommen.
Solch ein überzeugendes Vorbild möchte auch der DOSB in Sachen Gleichstellungspolitik sein. Wie die Bilanz diesbezüglich ausfällt, war Hauptthema des zweitägigen Fachforums. Die Ergebnisse der Arbeit zu den 2016 beschlossenen vier strategischen Eckpunkten Gleichstellung in Führungsposition, Förderung von Trainerinnen und Kampfrichterinnen, Kampf gegen sexualisierte Gewalt und geschlechtergerechte Darstellung in den (Sport)Medien wurden präsentiert und diskutiert.

Mit Blick auf Führungspositionen in Ehrenamt und Hauptberuf sieht DOSB-Vizepräsidentin Petra Tzschoppe den DOSB als Dachverband auf nationaler Ebene genau in der von Bach beschriebenen Vorbildrolle. In zahlreichen Mitgliedsorganisationen seien Frauen noch deutlich unterrepräsentiert und auch in die DOSB-Mitgliederversammlung entsendeten die Verbände zu wenige Frauen, diese seien nicht angemessen an sportpolitischen Entscheidungen beteiligt. Auch hier also eine ähnliche Situation wie international.

Intensiv behandelt wurde auch der Schutz vor sexualisierter Gewalt mit Blick auf alle Altersgruppen und Ebenen des Sports. Das Thema war in den vergangenen vier Jahren Gegenstand einer Arbeitsgruppe, in der Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen mitgewirkt haben. „Ziel ist es, dass der Kampf gegen sexualisierte Gewalt in jedem Verband und jedem Verein als ein bedeutsames Thema verstanden wird. Und das nicht im Sinne ‚noch einer zusätzlichen Aufgabe‘, sondern als grundlegendes Handlungsprinzip, als ganz selbstverständliche Haltung. Dafür braucht es nicht nur entsprechendes Wissen und Handlungskompetenz innerhalb des gesamten Sportsystems, sondern einen Kulturwandel“ sagte Petra Tzschoppe. Hier wurde auch die Wechselbeziehung mit den anderen gleichstellungspolitischen Handlungsfeldern sehr deutlich: Mehr Frauen in den Gremien, mehr Trainerinnen und Kampfrichterinnen sowie Medien, die Sport in geschlechtergerechter Weise darstellen und Athletinnen nicht marginalisieren oder zu attraktiven Objekten degradieren, sind ein wesentlicher Beitrag zu diesem Kulturwandel.

Die Ergebnisse aller vier Arbeitsgruppen liefern eine Grundlage für die weitere Strategie, die auf der Frauenvollversammlung 2021 beschlossen werden soll. Dann möglichst wieder in einer Präsenzveranstaltung, auch wenn die diesjährige Veranstaltung die Möglichkeiten des digitalen Formats mit Live-Stream, Chat und aktivierenden Online-Workshops zu nutzen wusste. Die DOSB-Vizepräsidentin zeigte sich abschließend sehr zufrieden mit der gelungenen digitalisierten Variante der Frauen-Vollversammlung. Alle Beteiligten hätten mit sehr hohem Engagement eine erfolgreiche Premiere für die folgenden digitalen Gremienversammlungen des DOSB im Jahr 2020 gestaltet.

Die hohe Bedeutung der Veranstaltung unterstrich auch die DKV-Beauftragte für Chancengleichheit Dr. Heike Diekmann: „Ich besuche sehr gern die Frauenversammlungen des DOSB, denn ich schätze die Solidarität der engagierten Frauen untereinander. Als ich meine Arbeit aufnahm und in das Thema „Prävention von und Intervention bei Sexualisierter Gewalt“ einstieg, habe ich von ihnen ganz offene und praktische Unterstützung erfahren. Und hinsichtlich der aktiven Abwehr von Sexualisierter Gewalt bin ich ganz bei Petra Tschoppe: Unser neuer Handlungsleitfaden PISG, der derzeit den LKV-Präsidentinnen und -Präsidenten vorliegt, darf nicht nur ein dürres Feigenblatt bleiben. Seine Empfehlungen müssen gelebt und in jeden Verein hinein getragen werden. Der Umgang mit dem Thema muss aus der Schmuddelecke heraus. Jedes Vereinsmitglied muss sensibilisiert werden, hinzuschauen und Verantwortung zu übernehmen. Das gilt nicht nur für deutlichen Übergriffe, sondern auch für die kleinen, alltäglichen, fast zur Gewohnheit gewordenen Grenzverletzungen. Nur so haben wir eine Chance, die Täter*innen aus unseren Vereinen fernzuhalten.“

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