18. Februar 2022

Kälteschutz „Dress for water not for air“

Paddeln im Winter (Foto: Sport Schröer)

Paddeln bei niedrigen Temperaturen ist mit zusätzlichen Risiken behaftet. Mit einem geeigneten Kälteschutz können die Gefahren minimiert werden.

Von Stefan Bühler, Ressortleiter Sicherheit und Material


„Dress for water not for air“ ist die Ansage zum Kälteschutz beim Paddeln. Auch wenn wir heutzutage im Winter zum Teil Lufttemperaturen von 15°C genießen dürfen, können je nach Gebiet Wassertemperaturen von unter 5°C herrschen. Eine Kenterung mit Schwimmeinlage unter diesen Bedingungen nur im Neo-Shorty und Paddeljacke kann dann schnell tödlich enden. Deshalb ist eine den Paddel- bzw. Wetterbedingungen angepasste Bekleidung äußerst wichtig.

Welcher Kälteschutz steht uns Paddlern grundsätzlich zur Verfügung?
Neopren und Paddeljacke in unterschiedlicher Ausführung (kurz oder lang) sind allen bekannt. Trockenanzüge sind inzwischen weit verbreitet. Biopren, besonders ausgeprägt nach den zurückliegenden Feiertagen, sollte nicht unter-, aber auch nicht überschätzt werden. Die körperliche Konstitution trägt aber zum Kälteschutz bei.

   

Revier / Bedingungen

Kälteschutz

Seekajak, Meer, große Flüsse, Seen Trockenanzug mit warmer Unterbekleidung, Neohaube oder Helm, Handschuhe, Schwimmweste
Touring, große Flüsse, Seen Trockenanzug mit warmer Unterbekleidung, Neohaube und / oder Helm, Handschuhe, Schwimmweste
Touring, Flüsse, Kleinflüsse Neopren und Paddeljacke, Neohaube, Paddelpfötchen, Schwimmweste

 
Wildwasser Trockenanzug mit warmer Unterkleidung oder Neopren (5mm) und Paddeljacke, Helm, Paddelpfötchen, Schwimmweste!
Allgemein Reservekleidung inkl. Handschuhe, Rettungsdecke, Müsliriegel, warmer Tee, Feuerzeug, Grillanzünder
Training >15°C, abgesichert, See, WW- Kanal 2mm Neoprenoberteil, -unterteil, Shorty

 


Das Funktionsprinzip des Trockenanzuges/-Hose/-Jacke

Der Trockenanzug steht an erster Stelle, wenn es um Kälteschutz beim Paddeln geht. Durch die Vermeidung des direkten Wasserkontakts ist der Kälteschock beim Kentern minimiert und die Auskühlung im Vergleich zu anderen Kälteschutzanzügen deutlich geringer. Deshalb ist der Trockenanzug die beste Wahl bei kalten Bedingungen und dort wo im Falle einer Kenterung und eines Ausstiegs mit einem langen Aufenthalt im kalten Wasser gerechnet werden muss (z.B. Große Seen, Meer). Ein entsprechender Kälteschutz garantiert das Überleben dennoch nicht! Ein Kälteschutz verlängert nur die Nutzzeit (siehe Beitrag Paddelrisiko Kälte), die für eine Eigenrettung zur Verfügung steht, bzw. das Zeitfenster für eine Rettung von außen!
Im Wildwasser und stürmischer See bietet der Trockenanzug gegenüber einem Neopren den Vorteil, dass es keinen Austausch des aufgewärmten körpernahen Wassers geben kann und so die isolierende Wirkung und die daraus resultierende Überlebenszeit verlängert wird. Dabei ist zu beachten, dass der Trockenanzug allein fast keine isolierende Wirkung hat. Erst die darunter getragene Kleidung verhindert den Wärmeverlust. Die Unterkleidung ist entsprechend der Wassertemperatur zu wählen. Hier bieten sich Textilen an, die entstehende Feuchtigkeit (Schweiß) vom Körper wegleiten und auch in leicht feuchten Zustand noch isolierend wirken (Funktionsbekleidung wie Fleece oder Wolle). Natürlich hat der Trockenanzug nicht nur Vorteile. Ein schwerwiegender Nachteil ist, dass der Trockenanzug bei Beschädigung seine isolierende Wirkung sofort verliert und dann je nach Beschädigung deutlich schlechter isoliert als z. B. ein Neopren. Daher ist auch ganz wichtig beim Trockenanzug: Ein nicht vollständig geschlossener Reißverschluss kann fatale Folgen haben! Beim Trockenanzug fehlt auch der im Wildwasser geschätzte Stoßschutz des Neoprens.
Die Kombination aus Trockenjacke mit Trockenhose bietet die Möglichkeit sich auf unterschiedliche Wetter- und Wasserbedingungen einzustellen. Jedoch ist diese Kombination ist nicht absolut dicht. Bei längerem Aufenthalt im Wasser (über 5 min) ist mit Eindringen von Wasser zu rechnen. Die Isolationswirkung lässt dann rapide nach.

   


Das Funktionsprinzip von Neopren

Das Funktionsprinzip von Neopren besteht darin, dass sich zwischen der Außenhaut des Neoprens und der Körperoberfläche eine Wasserschicht befindet, die durch die eigene Köperwärme aufgewärmt wird. Kleine Luftblasen im Neopren sorgen für die Isolation nach außen und vermindern den Austausch mit kaltem Wasser von außen.  
Allgemein gilt bei Neoprenanzügen, dass diese nur bei sehr guter Passform die entsprechende Isolierung bieten können. Nur dann kann sich die körpernahe aufgewärmte Wasserschicht ausbilden. Eine entsprechende Dicke des Neoprens ist Voraussetzung für eine gute Isolierung. Bei kalten Bedingungen ist eine Stärke von 5mm die beste Wahl. Bei einem Ganzkörperanzug mit 5 mm oder gar 7 mm Neoprenstärke ist mit einer Einschränkung der Beweglichkeit beim Paddeln zu rechnen. Solche Anzüge wurden für Taucher konzipiert.
Der Ganzkörperneopren ist der Kombination aus „Long John“ und Paddeljacke als Kälteschutz überlegen, da beim Ganzkörperneopren der Austausch des körpernahen, aufgewärmten Wassers gegenüber einem Long John deutlich vermindert ist. Dadurch ist die Isolationswirkung erhöht.
Der „Long John“ in Kombination mit einer Paddeljacke ermöglicht mehr Bewegungsfreiheit als ein Ganzkörperneopren. Die Paddeljacke sollte aber im Bereich des Rumpfs, der Hände und des Halses dicht abschließen. Latexmanschetten an den Handgelenken und am Hals sind besser als Neoprenabschlüsse. Die Abdichtung im Bereich des Rumpfs lässt sich gut mit einer Spritzdecke und einer Paddeljacke mit doppelten Kamin erreichen.  
Im Kanu-Freestyle ist die Cagdeck sehr beliebt, bei der die Paddeljacke mit der Spritzdecke fest verbunden ist. Solange sich die Spritzdecke auf fest dem Süllrand befindet, ist dies ein hervorragender Schutz gegen Wasser und Kälte. Im Falle eines Schwimmers jedoch wird die Cagdeck am Körper nach oben geschoben. Kaltes Wasser gelangt an den vom Long John nicht abgedeckten Oberkörper und kann dadurch schon einen Kälteschock auslösen. Zudem kommt es zum schnellen Austausch des körpernahen aufgewärmten Wassers im Long John, da die Abdeckung durch die Paddeljacke nicht mehr vorhanden ist. Eine schnelle Auskühlung des Körpers ist die Folge. Die Cagdeck hat auch Nachteile bei einem Steckunfall bei dem die Spritzdecke mit verklemmt ist. Da Spritzdecke und Paddeljacke nicht getrennt sind,  wird die Rettung erschwert. Der Kälteschutzvorteil wird zum Rettungsnachteil. Cagdecks sollten daher nicht eingesetzt werden, wenn mit längeren Schwimmeinlagen in kalten Wasser oder Verklemmungsgefahr (z.B. im alpinen Wildwasser) gerechnet werden muss.
Neoprenshorties und dünne Neoprenoberteile in Lang- oder Kurzarmversion können ebenfalls als Kälteschutz angesehen werden. Diese können jedoch nur bei wärmeren Bedingungen oder unter abgesicherten Trainingsbedingungen empfohlen werden. Sie dienen eher dem Wohlbefinden des Paddlers als dem Schutz vor Kälteschock oder Unterkühlung.
Inwieweit ein trockener Neopren bei einer Kenterung den Kälteschock vermeiden kann, hängt sicher von der körperlichen Verfassung des Gekenterten ab. Rein technisch ist ein nasser Neopren besser geeignet, den Kälteschock zu vermeiden, da das bereits vorhandene aufgewärmte Wasser verhindert, dass kaltes Wasser direkt an den Körper gelangt.

 

Weiterer Kälteschutz

  • Kopf: Wichtig ist, bei Kälte auch für eine entsprechende Kopfbedeckung zu sorgen. 30% des Wärmeverlusts erfolgt über den Kopf! Neoprenhauben oder Helme sind besser geeignet als Mützen, da sie auch noch im nassen Zustand für eine Isolierung sorgen.
  • Hände: Für den Kälteschutz der Hände bieten sich Paddelpfötchen an, die beim Paddeln vor Wasser und Wind schützen. Im Falle eines Schwimmers sind die Hände aber wieder dem kalten Wasser ausgesetzt. Handschuhe sind je nach Paddelrevier und Paddelbedingungen die bessere Wahl. Mitgeführte Reservehandschuhe bieten nicht den gleichen Schutz wie angelegte Handschuhe, da sie im Falle eines Schwimmer erreichbar und anziehbar sein müssen.
  • Beine und Füße: Bei Paddlern sind Beine und Füße eher die vernachlässigten Körperteile. Bei Kälte machen sich aber besonders die Füße bemerkbar. Wollsocken unter dem Trockenanzug oder Neosocken und entsprechende Schuhe können hier helfen. Neosocken über dem Trockenanzug schützen die Füßlinge auch zusätzlich vor Beschädigung durch Steine und Sand.
   

Tipps und Tricks für den Kälteschutz in der Praxis

  • Bei kalten Bedingungen sollte trockene Reservekleidung inkl. Handschuhe in einem wasserdichten Behälter (Packsack, Tonne) mitgeführt werden. Nach dem Ablegen der kalten und nassen Paddelkleidung und dem Anlegen der trockenen Reservekleidung sind ein Paar Handschuhe und eine trockene Mütze ein Himmelsgeschenk.
  • In den Packsack gehören auch eine Rettungsdecke, ein Feuerzeug und ein oder zwei Grillanzünder. Müsliriegel oder andere energiereiche Nahrung nicht vergessen. Warmer Tee in einer Thermosflasche ist auch keine schlechte Idee.
  • Und nicht zu vergessen: Die Schwimmweste gehört unbedingt zur Ausrüstung, auch wenn sie nicht wärmt!
   

Tipps für den Materialcheck Kälteschutz: Test your gear!

Die Vorsaison kann man nutzen, um die Ausrüstung zu überprüfen. Trockenanzüge, Neoprenanzüge, Paddeljacken und Spritzdecken sollten auf Löcher überprüft und entsprechend repariert werden. Wichtig! Die Manschetten bei Trockenanzügen und Paddeljacken könnten eingerissen oder verklebt sein. Nichts ist schlimmer als am Bach, See oder Meer zu stehen und die Fahrt nicht antreten zu können, weil die Hals- oder Handmanschette des Trockenanzugs oder der Paddeljacke gerissen ist.

   
  • Beim Neopren lohnt es sich nach längerer Pause die Elastizität und Passform zu prüfen. Nach längerem Gebrauch entstehen Risse im Neopren, die durch die Kaschierung oberflächlich nicht immer gut zu erkennen sind. Bedingt durch diese Risse (meist im Kniebereich, im Schritt oder im Bereich der Pobacken) ist dann die Isolierung nicht mehr vorhanden.
  • Achtung! Kälte macht Kunststoff spröde. Was sich in der Wohnung, dem Keller oder der Garage noch elastisch anfühlt, kann unter Paddelbedingungen plötzlich spröde werden und reißen.
  • Kälte macht alles schwieriger! Was daheim bei Raumtemperatur im Trockenen gut funktioniert, muss nicht zwangsläufig bei Kälte draußen funktionieren: Reißverschlüsse lassen sich nicht mehr so leicht schließen oder öffnen. Kunststoff wird spröde bzw. verliert seine Elastizität. Latexmanschetten gehen leichter kaputt bzw. dichten nicht mehr sauber ab. Lukendeckel sitzen nicht mehr sicher auf den Luken. Man selbst ist unbeweglicher und mit kalten Händen lassen sich auch keine Filigranarbeiten mehr durchführen. Deshalb ist es wichtig, seine Ausrüstung vorab unter sicheren Bedingungen zu testen und bei Bedarf entsprechend anzupassen oder zu verbessern.


 

 



 


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