20.03.2020 | DKV

DKV-Präsident Thomas Konietzko informiert die Kanu-Welt

Offener Brief an Deutschlands Kanuten
DKV-Präsident Thomas Konietzko

Liebe Athletinnen und Athleten, Trainerinnen und Trainer, Ressortleiterinnen und Ressortleiter sowie Betreuerinnen und Betreuer, 

der Führung des DKV ist es bewusst, dass sie im Zusammenhang mit der sprunghaften Verbreitung des Coronavirus und den Bemühungen aller, diese ein-zudämmen, unpopuläre Entscheidungen treffen musste. Dafür bitte ich um euer Verständnis.

Mir ist klar, dass manches, was wir empfohlen haben, zu Einschränkungen eures gewohnten Ablaufes führt, dass Maßnahmen der Kommunen und Bundesländer für euch weitere Einschränkungen bedeuten und dass es, gerade für unsere Athlet/innen und Trainer/innen, die sich auf Olympia vorbereiten, in dieser Situation besonders schwer ist, optimistisch zu bleiben und weiter auf das große Ziel Olympia hinzuarbeiten. 

Vieles liegt im Moment nicht in unserer Hand. Alle für den Sport verantwortlichen Organisationen auf nationaler und internationaler Ebene und Verantwortliche in Kommunen und Bundesländern erleben eine solche Situation zum ersten Mal und müssen Entscheidungen treffen, die vielleicht nicht immer die ungeteilte Zustim-mung unserer Athlet/innen und Trainer/innen finden. Keiner weiß, wie sich die Situation morgen entwickelt und ob und wann sie sich entspannt und wir zu einem normalen Alltag zurückkehren können.

Wir verstehen deshalb sehr genau, dass Frust, Enttäuschung, ja auch Verzweif-lung und zuweilen, wenn man auf das Ziel Olympia fixiert ist, auch Wut zu euren momentan Gefühlen gehört. Wir sehen dabei genau wie ihr, dass gerade im Moment in Europa eine faire Vorbereitung auf die Olympischen Spiele verglichen mit Athleten in anderen Ländern der Welt nicht möglich ist. 
Dabei droht gerade für viele Sportler/innen, die sich auf die Spiele vorbereiten, dass ein Lebenstraum platzt. Wir haben in den letzten Tagen versucht und versuchen dies auch in den nächsten Tagen und Wochen, optimale Trainingsbedin-gungen zu ermöglichen. Dabei stoßen wir an Grenzen und müssen gleichzeitig  akzeptieren, dass es im Moment auch für alle Sportler/innen und Trainer/innen in unserem Verband darauf ankommt mitzuhelfen, dass sich das Virus nicht weiter ausbreitet. 

Wir haben schmerzhaft erkennen müssen, dass in der momentanen Situation Sport nicht das Wichtigste ist, und wir sollten akzeptieren, dass manche Einschränkungen nötig sind und von uns mitgetragen werden müssen.

Hunderttausende Arbeiter/innen und Angestellte drohen ihren Job zu verlieren, Firmen kämpfen um ihre Existenz und Menschen, die wir gut kennen, die unsere Verwandten und Freunde sind, kämpfen vielleicht in den nächsten Tagen und Wochen um ihr Leben. Sponsoren, die uns bisher treu unterstützten, werden vielleicht ihr Engagement nicht fortsetzen können, und vielleicht sieht auch der Sport nach Eindämmung des Virus anders aus als bisher.

Dies alles sollten wir berücksichtigen, wenn wir darüber diskutieren, wie wir in den nächsten Tagen und Wochen im Sport weitermachen wollen und wie ihr euch trotz aller schlechten Nachrich-ten im Rahmen des momentan Möglichen auf eure Wettkampfhöhepunkte vorbereiten könnt.

Trotzdem erwartet ihr Antworten und eine Einschätzung von uns, wie der Stand der Dinge ist und wie sich die Situation entwickeln könnte. 

1.Nationale Ebene
Die meisten Wettkämpfe in allen unseren Disziplinen sind im Moment bis einschließlich Juli ab-gesagt oder verschoben. Wir kommen nicht umhin, nunmehr auch die geplante nationale Olympiaqualifikation im Slalom und die geplante 2. Qualifikation im Rennsport abzusagen oder zu verschieben. Wir müssen die Situation ständig neu bewerten und haben zum jetzigen Zeitpunkt noch keine alternativen Qualifikationstermine festlegen können. Wir versuchen, dass wir in Ab-sprache mit allen Trainer/innen einen möglichst fairen Weg für alle teilnehmenden Athlet/innen finden werden, um die nationale Qualifikation nachzuholen und die Bootsbesatzungen und Starter/innen für Olympia festzulegen. 
Die regionalen Meisterschaften im Kanu-Sprint sind gefährdet und wir werden im Präsidium ent-scheiden, in diesem Jahr die Qualifikation für die Sprint-DM im August komplett auszusetzen und allen Sportler/innen die Teilnahme an der DM zu ermöglichen.
Ob weitere Meisterschaften abgesagt werden müssen, werden wir in einer Telefonkonferenz des Präsidiums am 24.03. unter Berücksichtigung der sich verändernden Situation entscheiden.

2. Internationale Ebene
Das IOC hat in mehreren Telefonkonferenzen in den letzten Tagen seine Hoffnung zum Aus-druck gebracht, die Spiele wie geplant durchzuführen. Ich bin kein Wissenschaftler und kann nur die Informationen bewerten, die im Moment vorliegen. Es dauerte in vielen Ländern Asiens 60 bis 80 Tage, bis die Epidemie eingegrenzt werden konnte. Sollten die Maßnahmen in den europäischen Ländern erfolgreich sein, wäre damit zu rechnen, dass sich die Situation hoffentlich bis Ende April entspannt. Sollten sich die Fälle von Infizierten in Afrika und Amerika, wo die Epide-mie zeitversetzt auftritt, signifikant erhöhen, wäre tatsächlich aus meiner Sicht keine faire und sichere Vorbereitung aller Sportler/innen auf die Spiele möglich, was wahrscheinlich zu einer Verlegung der Spiele führen könnte.

Trotzdem halte ich es für richtig, dass das IOC zum jetzigen Zeitpunkt, also mehr als vier Monate vor den Spielen, die Entscheidung über eine Durchführung der Spiele offen lässt. Ich bin mir sicher, dass bis Ende April eine abschließende Entscheidung, ob die Spiele wie geplant durch-geführt werden können, fällt. 
Selbst, wenn sich die Situation weltweit entspannt und wir Anfang Mai hoffentlich klarer sehen, ob die Spiele wie geplant durchgeführt werden können, ist mir bewusst, dass die momentanen Einschränkungen für unsere Athlet/innen zu Nachteilen in der Vorbereitung führen werden. Trotzdem gilt: So lange die Spiele nicht abgesagt werden, müssen wir optimistisch bleiben und uns bestmöglich vorbereiten. 

Die ICF hat gestern alle geplanten Wettkämpfe bis einschließlich Anfang Juni abgesagt. Damit fallen auch alle geplanten Qualifikationswettkämpfe für die noch zu verteilenden Quotenplätze aus. Im Slalom wurde bereits entscheiden, die Weltrangliste als Kriterium für die Vergabe der verbleibenden Quotenplätze zu nutzen. Damit hat unser Verband den noch zu erringenden Quotenplatz erreicht.

Im Kanu-Sprint ist die Situation im Zusammenhang mit der Vergabe der Quotenplätze noch unklar. Im Moment versuchen wir gemeinsam mit den Duisburger Organisatoren, einen Ersatztermin für den ausgefallenen Weltcup zu finden. Sofern sich die Situation entspannt und das Duis-burger Orgateam dies möglich machen kann, könnte ein Weltcup vom 25.06. bis 28.06. stattfinden, auf dem die kontinentalen Quotenplätze fair ausgefahren werden können. Sollte dies nicht möglich sein, wird das Ergebnis der letztjährigen Weltmeisterschaft die Basis für die Vergabe der Quotenplätze bilden. Eine abschließende Entscheidung, ob dieser Wettkampf durchgeführt werden kann, wird nicht vor Ende April fallen.

Die Stadt Brandenburg hat alle Veranstaltungen bis Ende Juli abgesagt. Davon könnten auch die geplanten Junioren/U23-WM im Sprint betroffen sein. Wir versuchen momentan mit Hilfe des Ministeriums in Brandenburg, die Stadt zu überzeugen, mit einer abschließenden Aussage zur Durchführung der Weltmeisterschaften noch einige Wochen zu warten. Eine Entscheidung hierüber wird in den nächsten Tagen erfolgen.

Die Weltmeisterschaft im Wildwasser wurde mittlerweile abgesagt und unsere Verantwortlichen prüfen Optionen, im Herbst zumindest noch einen Weltcup durchzuführen.

Die Weltmeisterschaft im Kanu-Polo im September ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abge-sagt. Hier wird Ende Mai eine Entscheidung fallen.

Der Weltcup im Marathon im Mai in Rumänien ist abgesagt, und die Weltmeisterschaften im September sollen nach dem jetzigen Stand wie geplant durchgeführt werden.

Die Drachenboot-Weltmeisterschaft in Indien im November scheint zum jetzigen Zeitpunkt nicht gefährdet.

Auf europäischer Ebene sind alle Meisterschaften bis vorerst Ende Juni abgesagt.

Gerade in solchen schweren Zeiten müssen wir Optimismus bewahren und das Beste aus dieser Situation machen. Ich verspreche allen Sportler/innen, dass wir gemeinsam mit allen Ver-antwortlichen im deutschen Sport alles tun werden, dass kein/e Sportler/in persönliche Nachteile aus dieser Situation erfährt und auch bei einer eventuellen Verlegung der Spiele die Kaderzuge-hörigkeit und die Förderung weiter gewährleistet wird.  

Vielleicht können ja auch die Spiele im Juli und August das Zeichen für die Welt sein, dass die Krise überwunden ist und der Alltag und die gewohnte Lebensfreude zurückkehren.

Wir wollen und wir werden bei den anstehenden Wettkämpfen trotz aller Schwierigkeiten erfolgreich abschneiden, wenn wir gemeinsam jetzt nicht die Nerven verlieren und das Beste aus der Situation machen. Wenn die Spiele oder die Weltmeisterschaften in den nichtolympischen Disziplinen dann stattfinden und es reicht für Medaillen und gute Platzierungen, sind wir zufrieden und können uns gemeinsam freuen. Wir dürfen aber auch nicht enttäuscht sein, wenn wir das Gefühl haben, dass alle ihr Bestes gegeben haben und die Umstände keine besseren Platzierungen zulassen. 

Wir können und werden diese herausfordernde Situation für unsere gesamte Gesellschaft und den Sport nur gemeinsam meistern. 

Für Rückfragen stehen wir im DKV jederzeit zur Verfügung.

Kopf hoch und bleibt gesund!

Euer Thomas

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