10.01.2020 | Sportlich orientierte Rallye-Fahrten

Festwoche zur 30. Weser-Tidenrallye

Eine Wassersporttradition gegen den Strom
Weser-Tidenrallye

Als ganze Festwoche für Kanuten wird die diesjährige Weser-Tidenrallye von Nordenham nach Bremen gefeiert. Schließlich wird es die 30. Tidenrallye sein, und dieses Ereignis verdient einen besonderen Rahmen.

Seit 1973 gibt es die Kanu-Gemeinschaftsfahrt „Weser-Tidenrallye“, die sich an Breitensportler richtet. Sie fand zunächst jährlich statt und wird von einem Team des Landes-Kanu-Verbandes Bremen inzwischen in zweijährigen Abständen organisiert. In 2020 findet dieses Highlight der regelmäßigen Wassersportereignisse für alle mit Muskelkraft betriebenen Wasserfahrzeuge zum 30. Male statt, und zwar aus Anlass dieses Jubiläums mit einem ausgefeilten erweiterten Rahmenprogramm.

Die Fahrt gegen den Strom in Gestalt einer Tidenrallye ist von anderen Teilen unseres Globus nicht bekannt und vermutlich einzigartig. Bei der ersten Veranstaltung in 1973 gab es 437 angemeldete Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die von Nordenham aus starteten. Nachdem die Tidenrallye sich etabliert hatte, nahmen in den Folgejahren bis über 2000 Wassersportlerinnen und -sportler aus ganz Deutschland und den Nachbarländern an diesem Großereignis teil. Damals war es noch möglich, vom Strand vor dem Wassersportverein (WSV) direkt einen Massenstart hinzulegen.

Inzwischen sind die Ufer der Weser aufgrund zahlreicher Flussvertiefungen für die  Berufssschiffahrt derart verschlickt, dass der Ein- und Ausstieg nur an ausgewählten Stellen möglich ist, und der Strand von Nordenham gehört bedauerlicherweise zu den Opfern der Verschlickung. Daher wird inzwischen im Sportboothafen Großensiel gestartet. Wenn die Boote zum Start zu Wasser gelassen werden, sind weite Teile des Hafens noch nahezu trocken bzw. verschlammt. Aber zum Startzeitpunkt hin verschwinden die Schlickränder, und nach dem Startsignal geht es im großen Pulk gemeinsam auf die Weser, vorbei am stillgelegten Atomkraftwerk Esenshamm, an den Einmündungen von Schweiburg. Lune und Drepte, an der Weserinsel Strohauser Plate, der Fähre Brake-Sandstedt, vorbei an Brake und seinen Hafenanlagen, der Weserinsel Harriersand, der Huntemündung, dem ehemaligen Bunker Valentin und der Fähre Farge zum Silberziel beim Kanu-Club (KC) Rönnebeck.

Wer weiter fährt, passiert die Roland-Werft, die Fähre Blumenthal-Motzen, die ehemalige Wollkämmerei, die ehemalige Vulkan-Werft, die Fähre Lemwerder. Schließlich wird in Vegesack die Weser verlassen und in die Lesum eingebogen, deren besonderes Kennzeichen der Liegeplatz des Segelschulschiffes Deutschland ist. Nach Passage des Sturmflutsperrwerks ist das Goldziel beim Gelände der Kanusportabteilung des Turn- u. Rasensportvereins (TURA) in in Bremen-Lesum nach 3 Kilometern bald erreicht.

Nicht nur die Strömung der Weser gilt als Herausforderung für das Teilnehmerfeld. Vielmehr können die Windverhältnisse, ihre Stärke und Richtung wesentlich mitbestimmen, ob gutgelaunte erholte Paddler am Ziel aus ihren Booten steigen oder ob sie sich mit letzter Kraft an Land ziehen. So notierte der Chronist beispielsweise für 1978, dass ein Massenstart durch Wellengang verhindert wurde, dass 1984 die Rallye wegen der Windstärke in Berne abgebrochen werden musste, dass es in 2002 eine Unwetterwarnung gab und es in 2004 gar hagelte. Andererseits war 1977 super Sonnenwetter, und in 2006, 2008, 2010 und 2014 ordentlich „Schiebewind“. Dieser Schiebewind machte auch die 25. Tidenrallye in 2010 zur bisher schnellsten Tidenrallye. Nun ist es an den potenziellen Teilnehmerinnen und Teilnehmern der 30. Tidenrallye, die Daumen für Sonne und Schiebewind zur Jubiläumsfahrt zu drücken!  

Das zentrale Event der diesjährigen Jubiläumsveranstaltung ist natürlich wie immer die Tidenrallye selbst, die in 2020 wieder am Wochenende nach Himmelfahrt stattfinden wird, nämlich am Samstag, den 23. Mai. Das Besondere an der Tidenrallye ist die Fahrt flussaufwärts vom WSV Nordenham mit dem Tidenstrom nach Bremen. Für Binnenländer erscheint es zunächst kaum vorstellbar, gegen einen starken Strom wie die Weser zu paddeln, aber der Gezeitenstrom macht es möglich. Das bedeutet aber auch, dass die Strecke innerhalb der Zeit des auflaufenden Wassers bewältigt werden muss, da sich ansonsten die Strömung umkehrt und den Paddlerinnen und Paddlern das Leben schwer macht.

Der Startschuss fällt um 11 Uhr im Sportboothafen Großensiel, und die Reise kann wahlweise zum KC Rönnebeck (Silberziel, 33 km, Zielschluss um 16 Uhr) oder zum Gelände von TURA in Bremen-Lesum (Goldziel 44 km, Zielschluss um 17.30 Uhr) führen. Gesichert wird die Strecke durch Motorboote von Bremer Wassersportvereinen, der DLRG und der Wasserschutzpolizei.

Wie auch sonst bei den Tidenrallyes kann in den vorangehenden Tagen der Startpunkt mit dem Boot angefahren werden. Die traditionelle Vorfahrt startet mit Volker Zimny und Wilfried Mix am Mittwoch, den 20. Mai, bei TURA in Bremen-Lesum. Mit dem Ebbstrom geht es auf Lesum und Unterweser vorbei an der ehemaligen Vulkan-Werft und dem U-Boot-Bunker „Valentin“ bis zum Campingplatz auf der Flussinsel Harriersand bei Brake (30 km). Harriersand gilt mit etwa elf Kilometern Länge bei einer Fläche von rund sechs Quadratkilometern als eine der längsten Flussinseln in Europa. Am Folgetag (Himmelfahrt) findet in Brake ein gemeinsames Fischessen bei „Neptun“ statt, zu dem auch eine weitere Paddlergruppe aus Nordenham dazustößt, die am 21. Mai morgens mit Wolfgang Laging ab Nordenham starten wird. Danach paddeln sowohl die „Vorfahrer“ als auch die Nordenhamer Gruppe gemeinsam nach Nordenham. In Nordenham können sich am Freitag (22. Mai) interessierte Wassersportlerinnen und -sportler Hintergrundwissen über das „Wesentliche“ der Tidenrallye aneignen: Ein kurzweiliger Vortrag wird „Die Tiden – ein Geschenk des Himmels?“ beleuchten (mit Besuch von Planetarium und Volksternwarte). Traditionell wird darüber hinaus für Freitagabend ein Abendprogramm mit Lichtbildervortrag angeboten – natürlich aus der Welt des Paddelns.

Zusätzlich zu den Komponenten der traditionellen Tidenrallye wird es anlässlich des Jubiläums als Kulturprogramm eine Gepäckfahrt mit Jan Schünemann „Auf den Spuren der Tidenrallye“ geben. Die Anreise empfiehlt sich bis spätestens Samstag (16. Mai) abends, da am Folgetag wegen der Tide pünktlich um 05.10 Uhr (!) vom TURA-Vereinsgelände aus mit ablaufendem Wasser lesumabwärts gestartet wird. Nach 5,5 Kilometern wird in Bremen-Vegesack mit Frühstückspicknick und einem Spaziergang um den ältesten künstlich angelegten Hafen Deutschlands pausiert. Weiter geht es dann um 7.30 Uhr, wenn die Weser sich bequem flussaufwärts in Richtung Bremen paddeln lässt, weil bis dahin der Flutstrom eingesetzt hat. Der SV Bremen, das Goldziel der Tidenrallye aus den ersten Jahren, wird dann nach weiteren 18,5 km noch am Sonntagvormittag erreicht, so dass jede und jeder Bremen zunächst bequem auf eigene Faust erkunden kann. Am Sonntag wird ein gemeinsamer Spaziergang in die Bremer Innenstadt mit Stadtbesichtigung und anschließender Freizeit angeboten. Dienstagnachmittag geht es dann wieder weserabwärts bis zum KC Rönnebeck (23 km) und nach Übernachtung von dort zum Campingplatz auf Harriersand zum Treffen mit den anderen „Vorfahrern“.

Ebenfalls aus Anlass des Jubiläums muss der Kanuspaß nach der Tidenrallye noch längst nicht vorbei sein. Zusätzlich setzt sich am Sonntag, wenn alle sich von den Strapazen erholt und ausgeschlafen haben, das Kultur-Rahmenprogramm fort. Mit Jan Schünemann geht es um 13.30 Uhr auf Lesum und Hamme ins Teufelsmoor. Tagesziel ist nach Passieren der Schleuse Ritterhude der Campingplatz Waakhausen (17 km). Am Montag (25. Mai) startet der Bus zur 1889 aus einem Moordorf hervorgegangenen Künstlerkolonie Worpswede, wo es die große Kunstschau zu besuchen gilt, und wo eine Führung und ein Spaziergang zum „Café Verrückt“ angeboten wird, einem expressionistischen vom Architekten und Bildhauer Bernhard Hoetger im Jahre 1925 erbauten Gebäude. Erst nach Rückkehr zu TURA in Bremen-Lesum am Dienstag (26. Mai) findet die „Tidenrallye-Jubiläumswoche“ dann schließlich und leider ein Ende.

Weitere Informationen und Anmeldung: www.weser-tidenrallye.de


Kein Zufall ist es, dass am Samstag der „Festwoche“ (16 Mai) vor der Weser-Tidenrallye ein buntes Kanu-Event für Paddel-Interessierte und aktive Paddler durch den Landes-Kanu-Verband Bremen angeboten wird:

Beim 2. Bremer Kanutestival am Werdersee stellen viele Aussteller ihre Produkte aus der Paddelwelt vor, und Informationen über das Paddeln allgemein und über die verschiedenen Sparten des Kanusports wie Drachenboot, Auslegerkanu, Kanupolo, Kanurennsport, Stand up Paddling (SUP), Surfski oder Kanuslalom werden vermittelt.

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